Kolumne

Schweizer Verhältnisse

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Wilhelm Tell wusste: "Wir steh'n für unsere Weiber." Jetzt stellen Frauen die Mehrheit der Regierung.

In Appenzell Innerrhoden dürfen Frauen erst seit 1990 wählen. Damals führte er als letzter Schweizer Kanton das Frauenwahlrecht ein. Aber dort reift der berühmte Chkäse auch nur gaaaaaanz langsam. Und überhaupt ist die Schweiz mit keinem anderen Land direkt vergleichbar. Oder?

So sind zum Beispiel die berühmtesten der 450 Käsesorten des Alpenlandes, ob Emmentaler, Gruyère oder eben Appenzeller, doch viel präsenter als der Name auch nur eines einzigen Politikers, der in der Schweiz beheimatet ist. Oder?

Selbst wenn Günther Jauch als Millionenfrage stellen würde: "Nennen Sie einmal den Namen irgendeines Schweizer Politikers", müssten wohl die meisten Kandidaten passen. Denn die Namen ihrer Spitzenparlamentarier halten die Eidgenossen offensichtlich ähnlich sorgsam unter Verschluss wie die Daten in ihrem gedeihlichen Bankwesen. Jetzt aber haben die verschwiegenen Bergbewohner einen Polit-Coup gelandet, der das Heimatland des Volkshelden Wilhelm Tell mit einem gut platzierten Treffer schlagartig in die Neuzeit katapultiert.

Die Schweiz, ausgerechnet die Schweiz, hat in ihrer Regierung mehr Frauen als Männer. Gestern wählte das Parlament in Bern eine Sozialdemokratin als vierte Frau in den aus sieben Ministerposten bestehenden Bundesrat. Wenn Sie sich den Namen merken möchten: Die siegreiche Frau heißt Simonetta Sommaruga. Ihr Vorgänger im Amt ist der Parteifreund Moritz Leuenberger. Der Umwelt- und Verkehrsminister war nach 15 Jahren Amtszeit zurückgetreten.

Jetzt also sind die Frauen an der Macht. Denn in der Schweiz ist der Bundesrat "als Ganzes" nicht nur Regierungsgremium, sondern auch Staatsoberhaupt. Ein frauendominiertes Kollektiv ist der Gipfel des fortschrittlichen Bergvölkchens.

Wilhelm Tell wusste schon vor 700 Jahren, dass die Schweiz auf dem richtigen Weg ist. Laut Friedrich Schiller verkündete er: "Wir steh'n für unser Land, wir steh'n für unsre Weiber."