Schulreform wie nach dem Krieg

Urte Lüders besuchte ab 1949 die sechsjährige Grundschule. Danach hatte sie es schwerer als andere

Hamburg. Wenn Urte Lüders (66) an die 865 Schüler denkt, die ab Donnerstag in einer der 23 Starterschulen lernen, erinnert sie sich an ihre eigene Schulzeit. "Alles wiederholt sich irgendwann", sagt die pensionierte Gymnasiallehrerin. Urte Lüders hat das, was jetzt den "Starterschülern" bevorsteht, vor mehr als 50 Jahren selbst erlebt.

Nach 1946 stellte in Hamburg die SPD den Senat. Im Rahmen einer Schulreform konstruierten die Sozialdemokraten 1949 das Schulwesen der Hansestadt komplett neu. Das Herzstück dieser Reform war die "Allgemeine Volksschule". Die bestand wie das Modell Primarschule aus einer sechsjährigen Grundschule für alle Kinder. Urte Lüders besuchte damals die sechsjährige Grundschule in Wilhelmsburg. 1953 gewannen CDU, FDP, DP (Deutsche Partei) und BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) als Hamburger Block die Bürgerschaftswahl. Sie machten die Schulreform im Kernstück rückgängig. Die Grundschulzeit wurde wieder auf vier Jahre verkürzt.

Kurz nach dieser Umstellung wechselte Urte Lüders von der sechsjährigen Grundschule in die 7. Klasse des Wilhelmsburger Gymnasiums. "Meine fünf Mitstreiter waren allesamt gute Grundschüler. Sie alle mussten das siebte Schuljahr wiederholen. Ich musste in Mathe hart kämpfen. Den Rückstand in Englisch habe ich nie aufgeholt."

Urte Lüders wundert sich, warum Schulsenatorin und Behördenmitarbeiter nicht die Erfahrungen der älteren Hamburger in ihre Entscheidungen einbezogen haben. Urte Lüders befürchtet, dass es jenen Kindern, die in zwei Jahren nach der Starterschule aufs Gymnasium wechseln wollen, ähnlich schwerfällt. Sie weiß, wovon sie redet: "Als Unterstufenkoordinatorin habe ich am Gymnasium täglich erfahren, wie sehr soziale Benachteiligungen im Alter von zehn Jahren schon längst zementiert sind, sodass die Schule, bei allen Bemühungen der besten Lehrer, kaum noch was ausrichten kann." Statt der verlängerten Grundschulzeit sollten ein verpflichtendes Vorschuljahr sowie Ganztagsschulen ab der ersten Klasse installiert, die Kita-Gebühren gesenkt oder gar abgeschafft werden. "Nur so kann man hoffen, soziale Ungerechtigkeit zu mildern."