Offen gesagt

Deutschland sucht das Jugendwort

Eine Glosse von Tino Lange

Zwölf Jahre ist es nun her, dass der damalige Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar das Unwort des Jahres 1998 prägte: Sozialverträgliches Frühableben war seine zynische Lösung für das Rentenproblem. Die Jugendlichen von heute würden schlicht Abwrackprämie sagen. Nur ein Beispiel für Jugendsprache, die seit jeher Begriffe neu erfindet oder zweckentfremdet, um den sprachlichen Alltag so zu gestalten, dass ihn kein Besucher von Gammelfleischpartys, sprich Ü30-Partys, mehr versteht. Gammelfleischparty war jedenfalls das Jugendwort 2008, gewählt von Teilnehmern eines Online-Wahlgangs, zu dem der Langenscheidt-Verlag seitdem jährlich aufruft, um so nebenbei auch das "Lexikon der Jugendsprache" zu aktualisieren.

Noch bis zum 31. Oktober wird nun online auf www.jugendwort.de das Jugendwort 2010 gesucht. Zur Wahl stehen knapp 30 Wörter wie Änderungsfleischerei statt Klinik für Schönheitschirurgie, Klappkaribik statt Sonnenbank oder Schnitzelhusten statt Schweinegrippe.

Ob das "Lexikon der Jugendsprache" wirklich auf der Höhe der Zeit ist, wenn vermeintlich neue Jugendworte schon so neu nicht mehr sind? Denn mit zur Abstimmung steht auch Niveaulimbo (ständiges Absinken des Niveaus), und der Begriff feierte bereits 2001 mediale Premiere - im Hamburger Abendblatt. Auch weitere 2010er-Kandidaten wie resetten (Neustart) oder copypasten (Inhalte kopieren) sind längst abseits von Computer-Sprech gebräuchlich. Welcher Berufsjugendliche mag diese Begriffe vorab eingereicht haben? Hmm ... wir haben Neustart mit kopierten Inhalten und Niveaulimbo. Das kann nur einer gewesen sein: Dieter Bohlen!