Offen gesagt

Ole ohne Seniorenteller

Eine Glosse von Armgard Seegers

Die Fachzeitschrift "buchreport" macht sich in ihrer neuesten Ausgabe Sorgen darüber, dass Hamburgs scheidendem Bürgermeister Ole von Beust demnächst langweilig werden könnte. Und gibt ihm ein paar Tipps, welche Bücher er nun unbedingt lesen sollte. Als Ruheständler wird er schließlich jede Menge Zeit haben. Nicht etwa Hape Kerkelings Wanderwunder "Ich bin dann mal weg" wird da empfohlen. Ganz oben auf der Liste steht "Nein! Ich will keinen Seniorenteller!", ein Ratgeber zum Thema, wie man würdevoll altert, ohne die typischen Klischees dabei zu erfüllen. Daran wird von Beust schwer vorbeikommen!

Was aber sollte er noch lesen? Kein Problem. Die Weltliteratur ist voll von Stoff, der wie eigens für von Beust geschrieben scheint. Italo Svevos "Ein Mann wird älter" beispielsweise, das im Original ganz uncharmant "Senilità" heißt und in dem sich ein Mann plötzlich total arbeitsunfähig fühlt. Für Stendhals "Rot und Schwarz" hatte von Beust ja im Amt nie Interesse. Heute sieht das möglicherweise anders aus. Auch Balzacs Meisterwerk "Verlorene Illusionen" bekommt nun ungeahnte Aktualität und eine ganz persönliche Note. Wir rätseln noch, ob das auch für Dickens' "Große Erwartungen" gilt, ob Marquez' "Hundert Jahre Einsamkeit" einen passenden Titel für seine Regierungsjahre abgibt und ob Jane Austens "Verstand und Gefühl" wohl erklären, was von Beust zum Rücktritt bewogen hat? Ihm Dostojewskis "Der Idiot" zu empfehlen, könnte ebenso taktlos klingen, wie auf Musils "Mann ohne Eigenschaften" zu verweisen. Außerdem ist der nun wirklich viel zu lang. Tröstlich dürften die aktuellen Bestseller von Stieg Larsson wirken: "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung", zumindest, wenn Ole von Beust es bis zum dritten Teil schafft.