Fünf Fragen, fünf Antworten: Regina Schulz

Ein raues soziales Klima macht krank

Regina Schulz, 50, ist bei der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) Chefin für Norddeutschland.

1. Frau Schulz, der Anteil der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen bei Hamburger Arbeitnehmern hat sich im vergangenen Jahr um 18 Prozent erhöht und dieses Halbjahr nochmals um mehr als sechs Prozent. Woran liegt das?

Die Gründe sind vielfältig, aber sicherlich spüren viele Mitarbeiter zunehmenden Stress am Arbeitsplatz. Hamburg ist bei der Zunahme dieser Erkrankungen derzeit übrigens bundesweit Spitzenreiter.

2. Wie weit wirkt sich die jetzige weltweite Wirtschaftskrise auf den Krankenstand der Arbeitnehmer aus?

Eine Krise verstärkt bei vielen Beschäftigten die Sorge um den Arbeitsplatz. Zudem haben zahlreiche Unternehmen umstrukturiert und Stellen abgebaut, Verantwortlichkeiten unter den verbliebenen Mitarbeitern neu verteilt oder auch den Arbeitsplatz einiger Beschäftigter an andere Orte verlagert, was weitere Anfahrtwege bedeutet. Unterm Strich hat die Arbeitsverdichtung zugenommen. Auch die Zunahme von Schichtdiensten oder längere Arbeitszeiten, etwa von Verkäuferinnen, tragen zu mehr psychischer Belastung bei den Mitarbeitern bei.

3. Welche direkten Folgen können solche Aktionen der Arbeitgeber auf das Arbeitsklima in den Betrieben haben?

Es herrscht ein knallharter Wettbewerb, das soziale Klima wird rauer. Dafür sind natürlich die Unternehmen mitverantwortlich. Aber auch Mobbing vom Chef oder unter den Mitarbeitern ist in diesem Zusammenhang ein Thema, das immer wichtiger wird.

4. Was sind üblicherweise die ersten Vorboten für eine psychische Erkrankung?

Oft leiden die betroffenen Arbeitnehmer vor allem unter Schlafstörungen. Allein in Hamburg ist die Erkrankungshäufigkeit aufgrund von Durchschlafstörungen zwischen 2005 und 2009 um 74 Prozent gestiegen. Hinzu kommt, dass derzeit immerhin rund 22 000 Hamburger Arbeitnehmer wegen psychischer Belastungen am Arbeitsplatz gelegentlich oder regelmäßig zu konzentrationssteigernden oder beruhigenden Medikamenten greifen. Diese Entwicklung muss die Unternehmen alarmieren.

5. Was können Firmen tun, um der Entwicklung gegenzusteuern?

Wir und auch andere Krankenkassen unterstützen Firmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Viele Unternehmen haben die Bedeutung des Themas inzwischen erkannt, wissen aber häufig nicht, wie sie es umsetzen sollen. Der Einstieg lohnt sich, weil Mitarbeiter und Arbeitgeber langfristig profitieren. Denn wenn Mitarbeiter gut motiviert am Arbeitsplatz sind, werden sie weniger krank, und die Kosten durch Fehlzeiten werden für das Unternehmen geringer.