Sewigs Tierwelt

Die Hübsche mit dem Gruselfaktor

Foto: Uwe Dillenberg

Wenn Weißknievogelspinne Rosalie regelmäßig ihr Futter bekommt, ist sie ganz sanft...

Rosalie hat die Haare schön. Die Färbung ist mehr als extravagant: Ein dunkler Grundton mit auffallend hellen Blocksträhnchen, dazwischen ein Hauch von Rosa. "Ich finde sie wirklich hübsch", sagt Heidi Rohr. Und das, obwohl die Tierpflegerin Spinnen doch eigentlich gar nicht so sehr mag. Rosalie, die Weißknievogelspinne, hat es ihr allerdings wirklich angetan. Gilt sie mit ihren weißen Beinstreifen doch auch als eine der attraktivsten bodenlebenden Vogelspinnen überhaupt.

Gut, das Urteil wird nicht jede(r) teilen. Neun Zentimeter Größe, eine feiste Behaarung und die Tatsache an sich, dass es sich um eine Spinne handelt, schließen für viele Menschen die Wörter "hübsch", "attraktiv" oder "nett" in dem Zusammenhang kategorisch aus. Hagenbecks Tierpark spielt mit diesem Vorurteil - und hat Rosalie ihr Gehege im Tropen-Aquarium bewusst in einer nachgebauten Latrine eingerichtet. Gruselfaktor hoch fünf garantiert.

Dabei ist Rosalie eine außergewöhnlich verträgliche Vertreterin ihrer Art. "Weißknievogelspinnen gelten als aggressiv, aber das kann ich von ihr nicht behaupten", sagt Heidi Rohr. Die Spinne bleibe sehr ruhig, wenn die Pfleger Futter in das Terrarium legten (mit Vitaminen und Kalzium bestäubte Heuschrecken, ein- bis zweimal die Woche) oder den Glaskasten säubern. Dabei können die großen Spinnen auch ganz anders: Weißknievogelspinnen zählen zu den sogenannten Bombardierspinnen, die bei Gefahr spezielle Brennhaare von ihrem Hinterleib abfeuern. Die Brennhaare können ein Jucken und Brennen der Haut und der Atemwege des potenziellen Feindes verursachen. Allerdings zieht die Spinne es eher vor zu flüchten, bevor sie ihre Brennhaare abstößt.

Auch die Bisse der nachtaktiven Lauerjägerin sollen nicht ohne sein. Dabei müssen Menschen weniger die injizierte Giftmenge, als die Komplikationen nach einem Biss fürchten: Auf den Cheliceren, den Mundwerkzeugen der Spinne, befinden sich häufig Bakterien, und die können eine Entzündung der Wunde auslösen. "Ich möchte nicht ausprobieren, gebissen zu werden", sagt Heidi Rohr dementsprechend. Und der Klang ihrer Stimme verrät, dass sie das sehr ernst meint.

Weißknievogelspinnen bewegen sich in ihrer Heimat, den feuchtwarmen Regenwäldern Brasiliens, mit einer Beinspannweite von 20 Zentimetern über den Boden. Dabei sind die Einzelgänger - ob die größeren Weibchen oder die nur vier bis sechs Zentimeter und deutlich schlankeren Männchen - sehr "häuslich": Sie legen unter Wurzeln, Steinen sowie unter totem Holz Wohnröhren im Erdboden an, von denen sie sich nie weit entfernen. Bei Hagenbeck besteht die Inneneinrichtung von Rosalies Gehege somit auch aus einem Untergrund aus Blumenerde, einer Wasserschale sowie einem Stück Holz zum Verstecken. "Man muss versuchen, ein Zwischending bei der Einrichtung zu finden, sodass sich das Tier zwar zurückziehen kann, die Besucher es aber dennoch sehen können", erklärt Heidi Rohr das Latrinen-Innenleben.

Rosalie scheint es zu gefallen: Seit zwei Jahren wohnt sie im Tropen-Aquarium und gedeiht bestens. Auch wenn ihre Pflegerin in den ersten Wochen nach dem Kennenlernen schon Schlimmstes befürchtete: "Als ich eines Morgens bei ihr reinschaute, lag sie auf dem Rücken. Ich dachte, sie stirbt", erzählt die 27-Jährige, die damals schockiert ihre Kollegen alarmierte. Was sie bis dahin nicht wusste: Die Spinne legt sich immer dann auf den Rücken, wenn sie sich häutet. Rohr: "Durch ihre Muskelbewegungen platzt dann die Haut auf dem Rücken auf." So entkommt die Spinne ihrer alten, zu kleinen Haut. Die sogenannte Exuvie, das Häutungshemd, bleibt dabei komplett erhalten liegen.

Spannende Einsichten, die Rosalie da in ihr Leben beschert. Nur eines werden Heidi Rohr und ihre Kollegen bei der rosa schimmernden (daher auch ihr Name) Spinnenschönheit nicht erleben: das imposante Werbegebaren der Männchen. Die trommeln nämlich mit ihren Beinpaaren, um ein paarungsbereites Weibchen in Stimmung zu bringen. Und die dadurch ausgelösten Vibrationen nimmt die Angebetete mit speziellen Hörhaaren wahr. Denken Sie also besser daran, bevor sie an Rosalies Scheibe klopfen ...

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