Sewigs Tierwelt

Thora ist die Gewinnerin von eins zu einer Million

Foto: Pressebild.de/ Bertold Fabricius

Die Grüne Muräne Thora ist die eine Muräne, die es von etwa einer Million Larven ins Erwachsenenalter geschafft hat.

So sehen Sieger aus: Lächelnd schaut sie mit einem Blick in die Ferne, der - zumindest für Menschen - schwer zu deuten ist. Grund zur Freude hätte sie allemal, denn die Grüne Muräne Thora ist die eine Muräne, die es von etwa einer Million Larven ins Erwachsenenalter geschafft hat. Die überwältigend große Mehrheit ihrer Geschwister ist nicht bis ans Ende der Nahrungskette gekommen, sondern wurde an deren Anfang von größeren Fischen im Meer gefressen. Jetzt, ausgewachsen, müsste Thora eigentlich nur noch Zackenbarsche fürchten, doch die haben zu ihrem Becken in Hagenbecks Tropen-Aquarium zum Glück keinen Zutritt.

Dass es so aussieht, als ob die Muränen-Dame mit offenem Mund ein wenig debil lächelt, liegt schlicht an ihrer Atemtechnik: "Muränen müssen diese Maulbewegungen machen, für die Sauerstoffzufuhr", sagt Tierpflegerin Heidi Rohr. Die 27-Jährige kommt Thora und den fünf weiteren Grünen Muränen in deren Becken im nachgebauten Maschinenraum eines U-Bootes näher als viele andere. Heidi Rohr taucht regelmäßig in dem Aquarium, um die Bullaugen zu säubern - für den Ein- und weniger für den Ausblick.

Auch wenn sie es ungerecht findet, dass Muränen in Unterwasserabenteuern immer die Bösen spielen, hat die Tierpflegerin selbst eine gute Portion Respekt vor den Zähnen der bis zu zwei Meter langen Fische: "Ich habe einmal ein Foto vom Arm eines Tauchers gesehen, der von einer Muräne gebissen wurde. Das sah wie abgeschabt aus", sagt sie. "Das möchte ich nicht erleben."

Besucher hielten Thora und ihre fünf Mitbewohner gerne einmal für "Seeschlangen", sagt Heidi Rohr. Vielleicht, weil die muskulösen, hellgrünen Tiere wie alle Muränen schlangenartig gebaut sind. Der Körper ist seitlich deutlich abgeflacht und weist keine Beschuppung auf. Auch die Flossen sind ungewöhnlich und tragen zu dem Schlangenaussehen bei: Die Rückenflosse der Grünen Muränen beginnt bereits am Hinterkopf und geht in die Schwanzflosse über, dafür fehlen den Tieren die Brustflossen.

In Gänze sieht man die bis zu zwei Meter langen und bis zu 15 Kilogramm schweren Tiere bei Hagenbeck selten. "Sie schauen meist nur aus den Röhren und Felsnischen in ihrem Aquarium hervor", sagt Heidi Rohr. Der ehemalige Tropariums-Leiter Uwe Richter, der die Tiere vor der Eröffnung im Mai 2007 mit eingesetzt hat, sei sich aber sicher, dass sie "schon ordentlich gewachsen sind", sagt Heidi Rohr.

Im Freiland sind Grüne Muränen Riffbewohner, die in der Dämmerung und nachts ihren Unterschlupf verlassen und auf Jagd gehen. Hauptsächlich ernähren sie sich von kleineren Fischen, aber auch Krebse, Schalentiere und Tintenfische stehen auf ihrem Speiseplan. Bei Hagenbeck bekommen Thora und Co. zwei- bis dreimal in der Woche Seelachsfilet, Makrelen, Rotbarsch, Garnelen und Tintenfisch serviert - mit einer langen Pinzette ins Becken gehalten, damit jedes Tier etwas bekommt. Rohr: "Sie wissen schon genau, wann Fütterung ist. Thora gehört zu den Forscheren bei den Fütterungen." Ist ein Fisch mal zu groß, reißen die Muränen ihn durch schnelle Kopfbewegungen in Stücke. Aber nicht immer stürzen sich die Tiere gierig auf das Futter, so Rohr: "Sie setzen beim Fressen manchmal aus, wenn das Wasser zu warm ist oder sie gestört werden - sie sind doch recht sensibel."

Sensibel ist Thora auch, was ihre Hautpflege angeht: Zwar soll der gelblich-grünliche Schleim, der den Tieren ihre Färbung gibt, ihre Haut auch vor Parasiten schützen. Doch da doppelt auch unter Wasser besser hält, lacht sich Thora gerne Putzerfische an, die ihr dann im offenen Mund Essensreste zwischen den Zähnen herauspicken.

Gute Aussichten also für die fünfjährige Grüne Muräne, gesund alt zu werden. 30 Jahre könnte sie erreichen - etwas, was vielen ihrer Verwandten in freier Wildbahn aktuell nicht vergönnt sein dürfte: Das Hauptverbreitungsgebiet der Grünen Muräne ist der Golf von Mexiko, wo sie Riffe, Mangrovenwälder entlang der Küste und auch Mündungsdeltas besiedelt. Genau die Bereiche, die durch die Ölkatastrophe geschädigt werden. Und in denen es in der näheren Zukunft fraglich sein wird, ob die eine aus einer Million Larven es noch schaffen wird, groß zu werden.

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