Fünf Fragen, fünf Antworten: Lamya Kaddor

Burka-Verbot zielt nur auf Symptome

Lamya Kaddor, 32, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, hat einen Koran für Kinder und Erwachsene herausgebracht.

Hamburger Abendblatt:

1. Das französische Parlament hat ein Burka-Verbot für Frankreich beschlossen. Finden Sie den Beschluss richtig?

Lamya Kaddor:

Nein. Zwar wirkt eine Ganzkörperverschleierung auf mich auch befremdlich. Aber ich habe grundsätzlich ein Problem damit, wenn sich die Politik, der Staat in die religiösen Belange der Bürgerinnen und Bürger einmischt, wenn er versucht, Religion per Gesetz zu ordnen oder zu verordnen. Das gilt gerade auch für religiöse Kleidung. Und für gerade mal 2000 Burka-Trägerinnen in Frankreich so ein Gesetz zu verabschieden finde ich absolut unverhältnismäßig.

2. Eine Abgeordnete der regierenden UMP hat gesagt, Musliminnen mit Schleier "müssen befreit werden". Stimmen Sie zu?

Sie müssten doch nur dann befreit werden, wenn sie die Ganzkörperverschleierung nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen tragen. Diese Aussage suggeriert, dass jede Frau mit einem Schleier oder einem Kopftuch unterdrückt ist und befreit werden muss. Das ist eine Unterstellung, damit konstruiert man eine Realität, die keine ist.

3. Eine Burka schränkt die Bewegungsfreiheit im Alltag stark ein. Verlangt der Islam das?

Nein. Selbst nach konservativem Verständnis spricht der Koran nur von einem Überwurf, der die Schultern, den Ausschnitt und das Haupthaar bedeckt. Er spricht definitiv nicht davon, das Gesicht zu verschleiern. So etwas, und das ist gesichert, haben auch die Frauen des Propheten Mohammed nicht getragen. Und an der Al-Azhar-Universität in Kairo hat der mittlerweile verstorbene, damals noch höchste sunnitische Rechtsgelehrte Tantawi voriges Jahr sogar den Gesichtsschleier für Studentinnen verboten, weil es keine theologische Rechtfertigung dafür gibt.

4. Das Burka-Verbot soll die Selbstbestimmung der Frau fördern. Tut es das?

Nein, denn das Gesetz zielt nur auf Symptome. Man sieht ein äußeres Phänomen, das man in Europa nicht für passend hält, und versucht es durch Verbote abzuschaffen. Dann ist das sichtbare Phänomen, die Burka, weg, aber an der unterstellten Unterdrückung der Frau hätte man damit noch gar nichts geändert.

5. In einigen muslimischen Ländern wehren sich Frauen gegen den Trend, zur Verschleierung zurückzukehren. Stützen solche Verbote in Westeuropa diese Emanzipationsbemühungen, sich frei zu entscheiden?

Ja und nein. Ich will mich hier ja auch frei entscheiden können, wie ich mich kleide. Wir haben hier ein sehr differenziertes Gesetzesverständnis, auch ein ausdefiniertes Verständnis von Persönlichkeitsrecht und Religionsfreiheit, das es in anderen Ländern nicht gibt. Aber was mich stört, ist: Warum sagt man Menschen, die sich anders kleiden: Ihr passt hier nicht rein? Das klingt etwas nach Willkür. Was ist denn der Maßstab? Das bauchfreie Top?