Obdachlosen-WM in Brasilien

Auf dem Weg über die deutsche Meisterschaft nach Rio

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Jan Haarmeyer

In Hamburg will Fred mit seinem Team die deutsche Meisterschaft der Wohnungslosen gewinnen und dann zur Obdachlosen-WM nach Brasilien.

Fred will gar nicht nach Rio. Dafür habe er im Moment überhaupt keine Zeit, sagt der Mann mit dem schmalen Gesicht. Fred ist wohnungslos und hat einen vollen Terminkalender. Wenn es seine Zeit und sein Geldbeutel irgendwann einmal erlauben, will er vielleicht mal nach Kanada. Wegen der Weite.

Fred ist 46 Jahre alt und hat mit sechs Jahren angefangen Fußball zu spielen. Er kickt noch immer recht passabel, und deshalb wird der zweikampfstarke Rechtsfüßler jetzt um die deutsche Meisterschaft spielen. Und zwar in der Mannschaft von "Hinz&Kunzt", die bisher bei allen vier Turnieren dabei war. Jedes Mal landete das Team des Hamburger Straßenmagazins auf einem vorderen Platz. "Unsere schlechteste Platzierung war bisher Rang fünf", sagt Fred.

Die WM hat ein Nachspiel, und das findet erstmals in Hamburg statt. Auf dem Spielbudenplatz auf St. Pauli kämpfen am letzten Juli-Wochenende (siehe Infokasten) die Wohnungslosen aus ganz Deutschland um den Titel. Aus den besten Spielern der rund 20 Mannschaften wird am Ende die Nationalmannschaft gebildet. Und die vertritt Deutschland im September beim "Homeless Worldcup", der WM der Obdachlosen. In Rio de Janeiro, an der Copacabana.

Stefan Huhn ist 48 Jahre alt, auch ein passabler Fußballer, Rechtsfüßler und zweikampfstark. Eigentlich ist er Sportkoordinator bei "Anstoß", der Bundesvereinigung für Soziale Integration durch Sport. Jetzt ist der Hamburger auch noch Bundestrainer. "Unser Löw heißt Huhn", titelten sie bei "Hinz&Kunzt". Bei den Titelkämpfen wird er mit Notizbuch am Spielfeldrand stehen und sich Namen und Positionen notieren, um die deutsche Auswahl für Rio zu bilden. Worauf es bei der Zusammensetzung ankommt? "Dass die Jungs gut kicken können", sagt er. Und ja, genau so wichtig: "Dass sie es auch eine Woche in einer Gruppe aushalten."

Das Zusammenleben von Männern auf engstem Raum für einen längeren Zeitraum kann schon bei Profi-Mannschaften zu erheblichen Problemen führen. Was die französische Nationalelf gerade wieder weltweit vorgeführt hat. Schwieriger wird es, wenn es sich um Fußballer ohne festen Wohnsitz, mit einem Suchtproblem oder einem laufenden Asylverfahren handelt.

Fred ist seit 17 Jahren auf der Straße. Als sein Leben aus dem Ruder lief, war er so alt wie Arne Friedrich jetzt. Der 31-jährige DFB-Verteidiger steht als zweikampfstarker Rechtsfüßler bei der WM in Südafrika seinen Mann. Und das hoffentlich auch an diesem Sonnabend im Spiel um Platz drei gegen Uruguay. Fred steht jetzt vor dem Drob Inn.

Sein privater Schicksalsschlag hätte jeden aus der Bahn geworfen, aber der gelernte Schweißer aus Flensburg möchte nicht, dass darüber etwas in der Zeitung steht. Als er vor elf Jahren nach Hamburg kam, hat er die ersten beiden Jahre "in der Innenstadt gebettelt", bevor er zu "Hinz&Kunzt" kam. Er hat seit Jahren "irgendwo in Hamburg" einen Platz, "wo ich meine Ruhe habe". Fred hat noch nie finanzielle Unterstützung vom Staat in Anspruch genommen, und das soll auch so bleiben. "Da bin ich ein norddeutscher Dickschädel."

Der Experte der Straße zeigt interessierten Schülern und Erwachsenen Orte in Hamburg, die in keinem Reiseführer stehen. Bahnhofsmission statt Rathausmarkt, "Herz As" statt Alsterpavillon, Drogenberatungsstelle statt Landungsbrücken.

Heute sind 26 Siebtklässler vom Albrecht-Thaer-Gymnasium in Stellingen in die Innenstadt zu "Hinz&Kunz" gekommen und löchern Fred mit Fragen. Wo schläfst du? Sammeln Sie Pfandflaschen? Fährst du schwarz? Glauben Sie an Gott? Hast du eine Freundin? Warum finden Sie keine richtige Arbeit? Wurdest du schon einmal überfallen? Haben Sie einen Hund? Was braucht man zum Überleben auf der Straße? Der Hinz&Künztler, der das Straßenmagazin in Ahrensburg verkauft, macht die Rundgänge jetzt seit sieben Jahren. Mittlerweile kommt er auf 150 Führungen im Jahr. "Es ist schwer, einen Termin zu bekommen", sagt er und zeigt seinen Kalender. In den nächsten Wochen ist er jeden Tag, auch am Sonnabend und am Sonntag, gebucht. Da bleibt kaum Zeit zum Training für die deutsche Meisterschaft.

Und trotzdem werden die Hamburger gut vorbereitet in das Turnier gehen. "Da geht's zur Sache", sagt Fred. Er spricht von einer sehr gesunden Rivalität. "Wir spielen ja nicht mit Murmeln."

Andererseits gibt es Dinge, die größer sind als gewonnene Meisterschaften. "Wer im Schatten steht - als Wohnungsloser, Suchtkranker, Asylsuchender oder Zeitungsverkäufer -, sucht nach Anerkennung, Beachtung und Respekt. Er möchte Vorurteile abbauen und auch als Außenseiter fair behandelt werden", sagt Stefan Huhn. Und er sagt auch, dass Menschen, die sonst nur verhärmt in der Ecke stehen und still ihre Zeitungen verkaufen, plötzlich zu lächeln anfangen, wenn sie Sport machen. Und vielleicht sogar als Sieger vom Platz gehen.

Fred muss nicht lange überlegen, wenn er die Wahl hätte zwischen dem Titelgewinn oder vollen Rängen auf dem Spielbudenplatz. "Wenn an beiden Tagen viele Zuschauer kommen und uns vielleicht sogar begeistert anfeuern, dann können wir von mir aus auch Letzter werden", sagt er.

Dabei hat er persönlich ja jeden Tag quasi volle Ränge. Und genug Zuschauer, die an seiner Lebenswelt interessiert sind. Vor allem die jungen Zuhörer lassen nicht locker und erfahren deshalb viel über einen Menschen, dem sie im Alltag niemals so nahegekommen wären. Dass er eine Monatskarte, aber keinen Hund besitzt. Dass Schlafsack, Isomatte und Kochgeschirr zur Grundausrüstung gehören. Und dass er einige Freundinnen in Deutschland hat und man sich auch gegenseitig besucht.

Er erzählt, dass er einen großen "Diskussionsstab" besitzt, um sich böswillige Menschen vom Leib zu halten. Und er sagt den Schülern, als sie in Sichtweite vom Drob Inn stehen, dass sie besser die Finger von den Drogen lassen sollten, weil es manchmal nur ein ganz kleiner Schritt sei vom Hasch zu den harten Drogen. Und dass ein Abhängiger 300 bis 400 Euro am Tag braucht, um sich den Stoff zu beschaffen. "Na, wie viel Geld ist das im Monat?" Gute Frage. "Genau, rund 10 000 Euro."

Natürlich fragen ihn die Jugendlichen auch, wie es dazu kam, dass er auf der Straße lebt. Er sagt dann, dass Menschen manchmal von einem Schicksalsschlag getroffen werden. "Ich kann das nachher eurer Lehrerin genauer erzählen und die soll entscheiden, ob sie es euch mitteilt." Er hat seine Geschichte nämlich schon einmal vor einer Studentengruppe in allen Einzelheiten erzählt und musste dann erleben, "wie einige Mädels heftig geheult haben".

Diese Begegnungen in den Schmuddelecken der Stadt haben auch viel mit Würde und Stolz, mit dem Abbau von Vorurteilen und Distanz zu tun. "Als Obdachloser musst du gut planen können", erklärt er den Schülern, die eher davon ausgegangen sind, dass Menschen wie Fred in den Tag hineinleben. Duschen, Wäsche waschen, essen, schlafen - all das verlange eine genaue Planung. "Wir haben keinen Kühlschrank und können deshalb nichts auf Vorrat einkaufen." Vermissen tut er das nicht. "Je mehr ich zur Verfügung habe, desto höher sind die Ansprüche", sagt er und fügt lächelnd hinzu: "Der einzige Unterschied zwischen mir und euch ist doch, dass ich ein größeres Wohnzimmer habe." Er ist zufrieden mit dem, was er hat. "Ich muss nicht auf vieles verzichten."

Nur mehr Zeit hätte er, wie gesagt, gerne.

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