Fünf Fragen, fünf Antworten: Bernhard Pörksen

Darum tut uns Fernsehfußball so gut

Bernhard Pörksen, 41, Medien-Professor in Tübingen, Koautor des Buchs "Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung".

Hamburger Abendblatt:

1. Quotenrekord: 31,1 Millionen Zuschauer sahen das Spiel Deutschland gegen Spanien. Ist Fußball das letzte gemeinschaftliche Ereignis der Gesellschaft?

Bernhard Pörksen:

Nicht das letzte, aber es lässt sich doch eines zeigen: Eine fragmentierende, in sehr unterschiedliche Wirklichkeiten zerfallende Gesellschaft braucht Einheitsfiktionen - Themen und Ereignisse, Symbole und Bilder, die Gemeinschaft simulieren. Man fühlt sich zugehörig, das tut gut.

2. Brauchen wir Fußball als Kitt für eine zwischen Arm und Reich gespaltene Gesellschaft?

Wir brauchen gewiss die Fiktion der gesellschaftlichen Einheit - Fußball macht hier ein durchweg erfreuliches Angebot: Es gibt keine harten weltanschaulichen Differenzen, die diese Welt regieren, nur die Gewalt eines Medienereignisses und die Spannung des Spiels. Die gute Nachricht lautet: Fußball ist unideologischer Ideologieersatz. Er mobilisiert die Massen - ohne schreckliche Folgen.

3. Wie kommen Millionen Zuschauer zustande, obwohl Fußball nur Männer interessiert?

Die Behauptung, nur Männer seien an Fußball interessiert, ist ein Gerücht. Seit Jahren verändern sich die Geschlechterverhältnisse im Leistungssport, sind die klassischen Rollenbilder in Bewegung. Wer mitreden und soziale Isolation vermeiden will, schaut zu.

4. Fußball, Sport und Castingshows sind die TV-Renner. Mangelt es uns an Bildung?

Ich würde daraus keinen Mangel an Bildung ableiten. Eher geht es um den inszenierten Wettkampf, eine Leitidee einer verunsicherten Gesellschaft. Ein Wettkampf, der, scheinbar demokratisch, potenziell jeden als Mitspieler akzeptiert. Die Botschaft: Jeder kann Superstar werden, wenn er hart trainiert.

5. Günter Netzer hört als TV-Kommentator an diesem Wochenende auf. Seine Begründung: "Ich habe genug geredet. Ich kann mich selbst nicht mehr im Fernsehen anschauen." Spricht er damit vielen aus der Seele?

Nein. Günter Netzer ist ein Fußballstar und Kommentator, der seine eigentümliche Gehemmtheit zum Markenzeichen gemacht hat. Die Welt der Plastikprominenten, der inszenierten Skandale interessiert ihn wenig - man wird ihn vermissen als Ikone der kantigen Authentizität in einer Welt chronisch gewordener Überinszenierung.