Fünf Fragen, fünf Antworten: Rainer Moritz

Faszination durch Fehlentscheidungen

Rainer Moritz, 52, ist Leiter des Literaturhauses und war acht Jahre lang Schiedsrichter.

Hamburger Abendblatt:

1. Nach dem Wembley-Tor von 1966, das knapp keines war, nun das Bloemfontein-Tor von 2010, das recht deutlich eines war - sind Deutsche und Engländer nach 44 Jahren quitt?

Rainer Moritz:

Im Fußball gibt es keine ausgleichende Gerechtigkeit, zumal es Engländer geben soll, die behaupten, dass der Schuss von Geoff Hurst an die Unterkante der Latte im WM-Finale anno 1966 ein reguläres Tor war. Und überhaupt: Thomas Müller & Co. hätten am Sonntag im Achtelfinale auch einen 2:2-Ausgleich der Engländer weggesteckt.

2. Manche Experten fordern jetzt erneut vehement den Videobeweis - blieben dann aber nicht die Emotionalität und das Spektakel auf der Strecke?

Fehlentscheidungen gehören zum Fußball, machen einen wichtigen Teil seiner Faszination aus. Einen zusätzlichen Torrichter wird man sicher bald bei großen Spielen aufbieten, mehr nicht. Denn zum einen beweisen viele Videoaufnahmen rein gar nichts, und zum anderen wäre es sehr schwierig, die Grenzen zu ziehen. Oder sollte dann in Zukunft etwa schon bei strittigen Einwürfen der "Videobeweis" eingesetzt werden?

3. Empfinden Sie als ehemaliger Fußball-Schiedsrichter Mitgefühl mit Mauricio Espinosa, dem Linienrichter aus Uruguay?

Ja, natürlich. Der Mann wird diesen denkwürdigen Fußballnachmittag in Bloemfontein nie mehr vergessen - und darf seinen Urlaub jetzt auch nie mehr in Devon oder Cornwall im Südwesten Englands verbringen.

4. Stimmen Sie mir zu, dass manch reale Schiedsrichter-Entscheidung auf dem grünen Rasen bei Weitem großartigeren Stoff bietet als etliche fantasievolle Werke der Literatur?

Fragwürdige Abseits- oder Elfmeterentscheidungen durch die Schiedsrichter beim Fußball lassen sich viel intensiver interpretieren als die meisten Gegenwartsromane. Man denke nur an das Handspiel des brasilianischen Stürmers Luis Fabiano vor seinem Tor zum 2:0 gegen die Elfenbeinküste beim 3:1-Sieg der Südamerikaner in der Vorrunde - ein ungeheures Feld moralischer Fragen tut sich da auf.

5. Der deutsche Fußball erlebt momentan gerade eine für viele Fans erstaunlich rasante Wandlung. Haben Sie eine Erklärung für die neue Leichtigkeit der Jungs mit dem Adler auf der Brust?

Die jungen Wilden haben von Bundestrainer Joachim Löw das Vertrauen ausgesprochen bekommen, und sie zeigen bislang keine Schnöselarroganz. Der Ausfall von Kapitän Michael Ballack so kurz vor der Weltmeisterschaft hat sie sogar noch stärker gemacht. Und da dürfen sie sogar am kommenden Sonnabend im Viertelfinale gegen Argentinien ausscheiden.