So war's

Deutsche Staffelmeister immer noch fit wie ein Turnschuh

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Jens Meyer-Odewald

Foto: Marcelo Hernandez

Vor 45 Jahren ehrte Bundespräsident Lübke in Hamburg die vier Deutschen Staffelmeister, darunter Willi Lemke. Jetzt trafen sie sich wieder.

Hamburg. 50.000 Zuschauer im Volksparkstadion waren aus dem Häuschen. Mit Ovationen im Stehen würdigten sie die bravouröse Leistung ihrer Jungs unten auf der Tartanbahn. Da hatte es die 4x100-Meter-Staffel des Gymnasiums Oberalster (GOA) doch tatsächlich geschafft, den Rivalen aus allen anderen Bundesländern die Hacken zu zeigen und die Deutsche Schülermeisterschaft zu gewinnen.

Trainer Dr. Heinz Perleberg, Lehrer des Quartetts in Geschichte und Sport, hatte die vier exzellent eingestellt. Bundespräsident Heinrich Lübke persönlich überreichte den siegreichen Oberstufensprintern mit dem Hamburg-Wappen auf der Brust die Ehrenmedaillen. Applaus! Am 26. Juni 1965 war das. Wenige Tage zuvor hatte der SV Werder Bremen die Deutsche Fußballmeisterschaft erstmals für sich entschieden.

"Wir sind super vom Start gekommen und dann volle Kapelle durchgerannt", erinnert sich Klaus-Dieter. "Unsere Wechsel waren Weltklasse", ergänzt Bernd. "Da ging die Post ab wie Schmitz' Katze", sagt Justus. "Es war seinerzeit eine bombastische Zeit", weiß Willi. Er selbst weist die Bestmarke 10,7 Sekunden über 100 Meter auf. "Handgestoppt, mit Rückenwind, bei Bremervörde bergab." Dr. Perleberg nickt zufrieden: "Jungs, das war klasse!" Darauf ein Schluck Frischgezapftes: Ein Prosit auf die Champions von damals.

Jetzt ist Juni 2010. Und die Sieger von damals haben sich wieder getroffen - 45 Jahre nach ihrem Triumph. In den Katakomben des Restaurants Parlament direkt unter dem Hamburger Rathaus. Die Kellnerin serviert Labskaus, hanseatischen Börsenteller und weitere Spezialitäten aus der norddeutschen Küche; dazu gibt's Pils vom Fass. Nur Willi trinkt Wasser, wie früher schon. Ein bisschen in die Jahre gekommen sind sie durchaus. "Aber fit wie ein Turnschuh", meint Willi. "Prost, Männer!" Es ist Willi Lemke, Marathonläufer, Aufsichtsratsvorsitzender des SV Werder Bremen und Sonderbeauftragter des Uno-Generalsekretärs Ban Ki-moon in Sachen Sport.

Lemkes aktuelles Buch "Ein Bolzplatz für Bouaké", just in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen, gab die Initialzündung für das ungewöhnliche Wiedersehen des siegreichen Quartetts plus Coach. Und das kam so:

Willi Lemke, wie früher Hansdampf in allen Gassen und unentwegt auf Achse, hielt einen Vortrag vor Hamburger Wirtschaftsleuten. Der Referent will gerade zurück nach Bremen, da tippt jemand an seine Schulter: "Moin, Willi, ich bin's, der Klaus-Dieter vom GOA. Weißt du noch?" Und wie Willi Lemke wusste: beide Schulfreunde, die sich Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatten, fielen sich in die Arme. Und wie es bei solchen Anlässen so ist, gab ein Wort das andere. Nicht dass Männer tratschen, bewahre, aber es wurde eine lange Nacht. Dessen Ergebnis per Handschlag besiegelt wurde: "Wir müssen uns dringend treffen. Das Staffelquartett und Lehrer Dr. Perleberg."

Gesagt, getan. Und nun sitzen sie im "Parlament", tauschen lustvoll Erinnerungen aus, lassen gemeinsame Erlebnisse aufleben, weiden sich an der Vergangenheit. Vor allem jedoch lassen sie den Senior in der Fünferrunde hochleben: Dr. Heinz Perleberg, mit 85 Jahren erstaunlich rüstig. 1990 ging der gebürtige Greifswalder in Pension. Seiner Leidenschaft, dem Sport - und ganz speziell dem Handball, ist er treu geblieben. Zum Beispiel als Besucher der HSV-Profis in der O2 World. Kein Wunder: Zwischen 1962 und 1972 war Perleberg Coach der Bundesligaherren und gab ihnen ein gewinnendes Gesicht.

Quasi das Küken im Kreis der Staffelveteranen ist mit 60 Jahren Bernd Trappe, 1965 Schüler der 8a des Gymnasiums Oberalster. Der Jurist ist heute Vorsitzender der Strafkammer des Hamburger Landgerichts und nach wie vor mit Mitläufer Klaus-Dieter Zimmermann befreundet. Einem selbstständigen Architekten aus Wellingsbüttel, der Lemke im vergangenen Herbst auf die Schulter klopfte und damit ungewollt den Startschuss für das heutige Treffen gab. "Erinnert ihr euch noch an Annerose?", fragt Zimmermann die ehemaligen Mitschüler. Und ob. Gemeint ist die Ehefrau des früheren Bürgermeisters Henning Voscherau. Auch der Fünfte im Bunde, Justus Kröger, weiß noch genau, welche Mädels seinerzeit durch die Flure der Lehranstalt flanierten. War er doch 1965, zur Zeit des Staffeltriumphes, in der 12a und somit der Oldtimer. 45 Jahre später ist Kröger Getreidekaufmann und Makler.

Während der Mahlzeit erzählt Willi Lemke, mittlerweile 63 Jahre alt, von seinem Buch, zu dessen Präsentation in Bremen übrigens Dr. Auma Obama erschien, die Schwester des US-Präsidenten Barack Obama. "Wie der Sport die Welt verändert und warum ich mich stark mache für die Schwachen", heißt der Untertitel des Werks. Darin schildert Lemke meisterliche Spielzeiten als Werder-Manager und die Erfahrungen aus neun Jahren als Senator in Bremen.

Und wie es dazu kam, dass er 2008 von Ban Ki-moon als "Sonderberater für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung" berufen wurde. Seitdem ist der gebürtige Schleswig-Holsteiner international im Einsatz und gerade erst von der WM aus Südafrika heimgekehrt. Auch Günter Grass zeigte sich beeindruckt; ihm überreichte Lemke ein Exemplar beim Pokalfinale Werder gegen Bayern München im Mai. Der Nobelpreisträger: "Es ist beeindruckend, wie Willi Lemke dem Leser von Bremen aus einen weltweiten Blick öffnet und von den friedfertigen Abenteuern berichtet, die der Sport bietet." Auch die vier anderen am Biertisch haben Spannendes zu erzählen. Immer turbulenter und fröhlicher wird der Abend.

Drei der Anwesenden waren dabei, als ihr altes Gymnasium Mitte der 90er-Jahre 40. Gründungstag feierte. Später gab es Klassentreffen anlässlich jeweils vier Jahrzehnten Abitur. "Wir alten Sprinter!", ruft Lemke in die Runde. Man hebt die Gläser. Dr. Perleberg hört amüsiert zu, als das Gespräch auf die in jeder Beziehung pfundige Mathelehrerin Frau Dr. Meyer kommt. Oder auf "Doc Morik", den unvergessenen Musiklehrer. Von "Sexy Rexie" ganz zu schweigen, dem Studienrat im Fach Französisch. Auch vom verstorbenen HSV-Urgestein Jürgen Werner ist die Rede. Alle vier hatten den Oberstudiendirektor einst in Latein und Sport.

Und in Lechner's Eck an der Saseler Chaussee gab's Schlagsahne pur mit Streusel. Aber nicht nur das. Zu später Stunde kommt Pikantes auf den Tisch. Lemke beichtet, den Abi-Test in Französisch schon vorher gekannt zu haben. "Das ist doch straffrei, oder?" will er wissen. Dr. Perleberg lächelt wissend, schweigt jedoch. "Lemmi, Schwamm drüber!", sagt "Teddy" Krüger. Während sich "Ka-De" Zimmermann den Bauch vor Lachen hält, überzeugt Jurist Bernd mit diskreter Zurückhaltung.

Zu fortgeschrittener Stunde eilt die muntere Runde noch einmal zum Staffelsieg. In allen Einzelheiten werden die vier grandiosen Sprints vom 26. Juni 1965 geschildert - und die Fantasie läuft mit. "Weißt du noch ...?", fragt "Teddy". "Lemmi" und die anderen nicken.

Als sei es gestern gewesen.

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