Prognose

Wie wir im Jahr 2030 arbeiten werden

Experten zeichnen im Abendblatt ihre Visionen für Deutschland und Hamburg: spätere Rente, Vollbeschäftigung und deutlich mehr Leiharbeiter.

Hamburg. Es war eine erschreckende Zahl: Fünf Millionen Arbeitslose sagten Experten vor wenigen Jahren als Folge der Weltwirtschaftskrise für Deutschland voraus. Doch es kam anders. Nur rund drei Millionen Bundesbürger sind derzeit ohne Job. Viele Deutsche gönnen sich etwas, geben mehr Geld aus als früher. Für die Unternehmen ist das ein Glücksfall. Denn durch die Konsumlust bleibt die deutsche Wirtschaft auf Wachstumskurs, ist Musterknabe in der ökonomisch schwächelnden Euro-Zone. Der robuste Arbeitsmarkt erweist sich als ein Stützpfeiler - doch in den kommenden Jahren drohen ganz andere Probleme. Was für das Jahr 2010 im Überfluss erwartet worden war - nämlich Arbeitskräfte - soll 20 Jahre später zum Mangel werden. Experten gehen davon aus, dass 2030 rund fünf Millionen Fachkräfte fehlen werden. Besonders brisant dürfte sich die Situation im Dienstleistungssektor darstellen. Etwa vier Millionen Stellen sollen dann unbesetzt sein, davon eine Million im Gesundheits- und Sozialbereich, heißt es in einer Studie des Forschungsinstituts Prognos.

Der Arbeitsmarkt steht vor einem Umbruch. Verbringen die Deutschen mehr Zeit im Beruf? Wie entwickeln sich die Löhne? Welche Branchen werden wachsen? Und wie schneidet Hamburg ab? Das Abendblatt sprach mit Experten über die Beschäftigungssituation 2030. Die Ergebnisse:

Deutschland vergreist

Derzeit leben in der Bundesrepublik fast 50 Millionen Menschen zwischen 20 und 64 Jahren. 2030 werden es fast acht Millionen weniger sein. Da wird es eng, alle Jobs zu besetzen. "Wir werden Vollbeschäftigung haben", sagt Professor Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn. "Die Arbeitslosigkeit wird zwischen vier und fünf Prozent liegen." Weniger ist in modernen Volkswirtschaften kaum möglich. Denn es gibt immer Personen, die beispielsweise gerade den Arbeitgeber wechseln, wegen Krankheit nicht zu vermitteln sind oder deren Qualifikationen nicht auf die gesuchten Jobprofile passen.

Weil die Lebenserwartung jedes Jahr um rund drei Monate steige, erwartet Professor Ulrich Reinhardt einen verspäteten Ruhestand: "Der Eintritt ins Rentenalter wird sicherlich drei Jahre später erfolgen", sagt der wissenschaftliche Leiter des BAT Freizeit-Forschungsinstituts in Hamburg. Schon jetzt klagen Firmen über Personalmangel. Sie werben Auszubildende mit Handzetteln oder über Facebook an. Zwar ist in Hamburg die Quote der Schulabbrecher mit sieben Prozent auf einem Tiefstand. Unternehmen beklagen aber insgesamt den niedrigen Bildungsstand. Sie geben Schulabgängern Nachhilfe, um sie für die Bedürfnisse des Berufs zu qualifizieren. Wissen werde zunehmend wichtiger, ist Zimmermann überzeugt: "Jeder Hochqualifizierte wird im Jahr 2030 einen Job haben, aber Geringqualifizierte bekommen Probleme. Es läuft auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft hinaus."

Die Lohnschere geht auseinander

Die Einkommensunterschiede in der Bundesrepublik werden größer. Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) aus dem vergangenen Dezember verdient das obere Zehntel der Bevölkerung achtmal so viel wie das untere. 57 300 Euro netto bekamen im Jahr 2008 die Topverdiener im Schnitt, die Wenigverdiener erhielten nur 7400 Euro. In den 90er-Jahren hatte das Verhältnis noch bei sechs zu eins gelegen. Demnach wächst die Ungleichheit in der Einkommensverteilung stärker als in den meisten anderen OECD-Staaten.

Ein Trend, der sich bis 2030 verfestigt. "Die Lohnspreizung wird zunehmen", sagt Zimmermann. "Weil es beim hoch qualifizierten Personal einen Engpass gibt, kann diese Gruppe höhere Löhne durchdrücken", sagt Michael Bräuninger, Konjunkturchef des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI). Auf der anderen Seite werden viele von einer Arbeitsstelle zur nächsten fahren. "Ein großer Teil der Deutschen muss einen Zweit- oder Drittjob übernehmen, um die Familie ernähren zu können", sagt Reinhardt.

Hinter diesem Trend steht eine sich seit Langem abzeichnende Entwicklung. Die Vollzeitstellen werden immer weniger. Noch 1997 hatten fast 80 Prozent der Beschäftigten einen solchen Arbeitsplatz. 2010 waren es weniger als zwei Drittel. "Die Zahl der Vollzeitjobs wird sinken, bleibt bis 2030 aber oberhalb von 50 Prozent", sagt Zimmermann. Derzeit ist etwa jeder Fünfte ein Geringverdiener. Dann könnte es jeder Dritte sein, der von seinem Haupteinkommen nicht mehr leben könne. "Wir brauchen einen Kombinationslohn. Der Staat muss Einkommenszuschüsse gewähren", sagt Bräuninger.

Es sind letztlich die Folgen der immer flexibleren Arbeitswelt. Seit 1996 hat sich der Anteil an befristeten Verträgen fast verdoppelt; mehr als 2,5 Millionen Bürger haben mittlerweile einen solchen Kontrakt. Fast jede zweite Neueinstellung erfolgt auf Zeit. In den vergangenen rund 15 Jahren stieg die Zahl der Leiharbeiter von 180 000 auf rund eine Million. "Die Leiharbeit wird sich bis 2030 vervierfachen", sagt Zimmermann. Die Vorteile für die Firmen: Sie müssen in schlechten Zeiten kein Personal mehr vorhalten, senken ihre Fixkosten und lagern die Risiken aus.

Zudem gilt für immer weniger Unternehmen der Branchentarifvertrag. 1996 arbeiteten noch 70 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland in solchen Betrieben, zuletzt waren es nur 56 Prozent. Für Ostdeutschland sank die Quote von 56 auf 38 Prozent. Verlassen Firmen die Tarifbindung, hat das für die Beschäftigten meist eine bittere Konsequenz: Sie erhalten weniger Geld. "Künftig werden Bereiche wichtiger, die nicht so stark gewerkschaftlich geprägt sind", sagt Zimmermann. Dann fällt es noch schwerer, Branchenverträge flächendeckend durchzusetzen. Auch deshalb werden für viele Menschen die Einkommen tendenziell sinken.

Frauen und Ältere müssen ran

Der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen in Deutschland steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an. Vor 40 Jahren war es etwas mehr als ein Drittel, derzeit sind es etwa 47 Prozent und in 18 Jahren sollen sie mit 52 Prozent sogar die Mehrheit der Berufstätigen stellen. "Frauen werden im Job dominanter, auch in den hoch qualifizierten Berufen", sagt Reinhardt. Viele Experten fordern dafür bessere Angebote in der Betreuung: zum einen in Form von Kindertagesstätten für die junge, zum anderen in Form von Pflegeheimen für die ältere Generation.

Für die älteren Arbeitnehmer wird sich der Ausstieg aus dem Berufsleben verzögern. "Die Generation 50plus wird als Erste den Fachkräftemangel kompensieren müssen", sagt Zimmermann. Ihre Erfahrung und ihr Fachwissen würden weiterhin gebraucht, ist Reinhardt überzeugt und spricht vom Re-Start mit 50: "Wir werden länger arbeiten müssen." Denn der Anteil der über 50-Jährigen an den Erwerbspersonen wird sich binnen 30 Jahren auf 40 Prozent fast verdoppeln. Die Firmen müssten mit Angeboten wie Sabbaticals (zeitlich begrenzte Freistellung bei Gehaltsverzicht), Weiterbildungen und zusätzlichen Kuren reagieren. Der Wiener Zukunftsforscher Matthias Horx führt ein weiteres Argument an: "Etwa die Hälfte aller 60-Jährigen möchte gern weiterarbeiten, weil Arbeit auch Bestätigung, soziale Selbstverwirklichung und kommunikative Verbindung ist. Dieser Anteil wird weiter steigen."

Hamburg bleibt auf Wachstumskurs

Bis 2030 sinkt die Einwohnerzahl der Bundesrepublik um rund fünf Millionen auf 77 Millionen. Die ländlichen Regionen - vor allem im Osten - dünnen aus. "Die junge Generation wird immer mehr zu Landflüchtlingen", sagt Reinhardt. Nur ein Bundesland wird wachsen: Hamburg. Mit 1,9 Millionen werden knapp 100 000 Menschen mehr in der Hansestadt leben als derzeit. "Hamburg profitiert davon, dass es von vornherein auf Dienstleistungen und Logistik ausgerichtet war", sagt Zimmermann.

Berufe in diesen Bereichen sowie in der Gesundheitswirtschaft und der Kommunikationstechnologe sieht er als Wachstumsmärkte. HWWI-Konjunkturchef Bräuninger schreibt dem Hafen wegen der weiter fortschreitenden Globalisierung eine wachsende Rolle zu. Die Industrie werde hingegen leicht schrumpfen, bleibe mit Unternehmen wie Airbus und Lufthansa Technik aber ein wichtiger Wirtschaftssektor. Auch für die Hansestadt hält Bräuninger Vollbeschäftigung für möglich, wenn die Tarifparteien weiterhin "vernünftige" Lohnabschlüsse erreichen.

Aus der globalen Sicht wird die Elbmetropole interessanter. Zuletzt gewann Hamburg im Schnitt jedes Jahr rund 5000 ausländische Neubürger hinzu. Hamburg werde neben den süddeutschen Ballungszentren eines der Hauptziele der Zuwanderer in Deutschland sein, sagt HWWI-Migrationsexperte Max Steinhardt. Im internationalen Kampf um Fachkräfte sieht er die Bundesrepublik gut aufgestellt. Die Wirtschaftsstärke hierzulande und die Schwäche in anderen Ländern sowie eine erleichterte Zuwanderung seien für andere Europäer hochattraktiv, "vor allem für Polen, Rumänen und Bulgaren".

Heimarbeit bleibt die Ausnahme

In vielen Zukunftsvisionen wurde dem Arbeitsweg schon das Aus vorhergesagt. Dank Handy, Laptop oder Videokonferenzen sollte das feste Büro ausgedient haben. Für Steuerberater würde sich eine gemeinsame Wohn-/Arbeitslösung anbieten, sagt Reinhardt. "Auch Callcenter im heutigen Sinne wird es 2030 nicht mehr geben." Dass die Heimarbeit zur Regel wird, erwartet er aber nicht. Die Kassiererin müsse weiter im Supermarkt sitzen. "Die Bevölkerung will auch nicht von zu Hause arbeiten, weil dann Arbeit und Privates vermischt werden", sagt Reinhardt. Und auch für Firmen ergäben sich Probleme. So seien zum Beispiel bei Banken und Versicherungen die technischen Voraussetzungen gegeben, aber die Sicherheitsfrage und Kontrolle der Arbeitszeit noch offen. Die Unternehmen dürften von der Heimarbeit zudem nicht profitieren, sagt Zimmermann voraus. Denn Arbeitsstrukturen und -regeln würden außer Kraft gesetzt. "Es wird schwierig sein, die Motivation der Mitarbeiter und die Unternehmenskultur beizubehalten."

Dass Videoschaltungen bei einigen Dienstleistungen eine Zukunft haben, glaubt der Ökonom aber schon. "Durch eine verbesserte Skype-Technik kann ich mir virtuelle Arztbesuche vorstellen." Der Vorteil: Das Anstecken mit Viren ist für den Doktor dann ausgeschlossen - für die Software des Computers allerdings nicht.