Die Hausaufgaben des Senators

Ties Rabe plant, 5. Klassen an Gymnasien zu verkleinern, und nimmt Ärger mit Eltern in Kauf. "Wiederholer will ich nicht."

Hamburg. Trotz des Rekordwerts bei der Abiquote und des Tiefstands bei den Schulabbrechern: Es gibt auch problematische Tendenzen in der Herbststatistik der Schulen, die Schulsenator Ties Rabe (SPD) gestern vorgestellt hat.

In rund 30 Prozent der fünften Klassen an den Gymnasien sitzen mehr Kinder als die vorgesehenen 28 Jungen und Mädchen. Der Durchschnitt der Klassengröße liegt zwar mit 27,57 Schülern knapp unter dem Grenzwert, aber Rabe pocht auf eine weitere Verkleinerung der Klassen. "30 Prozent mit mehr als 28 Kindern - das geht nicht noch einmal", sagte der Senator.

Nach der Anmelderunde für das kommende Schuljahr im Februar sollen sich Behördenexperten "über die Zahlen beugen", um Vorschläge für eine bessere Verteilung der Schüler vorzulegen. Gymnasialklassen mit mehr als 28 Schülern will Rabe nur noch "in Ausnahmefällen" zulassen. Dabei nimmt der Senator Ärger mit Eltern durchaus in Kauf. Denn vielen Vätern und Müttern ist es wichtig, dass ihre Kinder ein bestimmtes Gymnasium besuchen. Schulen neigen bisweilen dazu, ein paar Schüler mehr aufzunehmen, um Streit oder gar Klagen vor dem Verwaltungsgericht aus dem Weg zu gehen.

Dagegen sind die ersten Klassen im Durchschnitt deutlich kleiner, als das Schulgesetz vorsieht: Statt maximal 23 Kinder lernen in den Eingangsklassen im Durchschnitt nur 20,17 Jungen und Mädchen. Positiv ist auch die Lage in der untersten Stufe der Stadtteilschule: Die fünften Klassen besuchen im Durchschnitt 21,68 Kinder statt 23, wie im Gesetz vorgesehen. Anders ist die Situation, wie berichtet, bei den jetzigen sechsten und höheren Klassen, die vielfach oberhalb des Sollwerts liegen. Rabe betonte erneut, dass es aus seiner Sicht nicht sinnvoll ist, in bestehende Klassengemeinschaften einzugreifen, um sie zu verkleinern.

Insgesamt ist die Zahl der Wiederholer an Stadtteilschulen mit 2,6 Prozent und an Gymnasien mit 2,2 Prozent zwar gleich geblieben. Einen deutlichen Anstieg verzeichneten die Statistiker aber in der Oberstufe: Die elfte Klasse wiederholten 6,8 Prozent, die zwölfte Klasse sogar 8,1 Prozent.

Rabe nannte als Grund für die Tendenz die gestiegene Zahl der Schüler, die ein halbes oder ganzes Jahr ins Ausland gehen und nach ihrer Rückkehr eine "Ehrenrunde" drehen. "Echte Wiederholer will ich nicht, das ist vergeudete Lebenszeit", sagte der Schulsenator.

"Dass jeder zweite Schüler in der elften Klasse nach einem Auslandsjahr zum Wiederholer wird, ist nicht hinnehmbar", sagte die FDP-Bildungspolitikerin Anna von Treuenfels. Rabe müsse dringend über Hilfs- und Beratungsmaßnahmen nachdenken.

Als weiteres Problem des Schulsystems erweist sich die sprunghaft angestiegene Zahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Um 58 Prozent wuchs die Zahl der Kinder mit Förderbedarf im Bereich emotionale und soziale Entwicklung, um 11,7 Prozent im Bereich Sprache. Aber auch bei den schwerst- und mehrfachbehinderten Schülern gibt es ein Plus von 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt stieg der Anteil der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an allen Schülern auf 5,4 Prozent (2010: 5,0).

Für Rabe ist der "plötzliche und erhebliche Anstieg" ein Hinweis darauf, dass die Diagnose "sehr unsicher und wenig verlässlich" ist. Rabe sieht bei dieser Verschiebung einen Zusammenhang mit der Einführung der Inklusion, also des Rechts eines behinderten Kindes auf Besuch einer Regelschule.