Fünf Fragen, fünf Antworten: Friedrich Nowottny

Ein Fußballsieg nützt auch der Politik

Fernsehlegende Friedrich Nowottny, 81, Ex-WDR-Intendant, moderierte 1000-mal die ARD-Sendung "Bericht aus Bonn".

Hamburger Abendblatt:

1. Herr Nowottny, fiebern Sie heute dem Spiel Deutschland gegen Ghana entgegen?

Friedrich Nowottny:

Ich fiebere nicht, aber ich werde mit großer Spannung zuschauen. Das muss ich deshalb schon, um bei meinem Enkel, der ein großer Fußballfan ist, mitreden zu können.

2. Als Deutschland 1954 Fußball-Weltmeister wurde, gab es einen nationalen Überschwang, mit dem das Land in die internationale Gemeinschaft zurückkehrte. Gibt es Vergleichbares heute noch?

Damals gab es in Deutschland erst 160 000 Fernsehgeräte, die meisten verfolgten das Endspiel am Radio und feierten das Ergebnis nicht ganz so überschwänglich, wie man bei der WM im Sommer 2006 hierzulande gefeiert hat. Die Stimmung 1954 lebte von dem Satz, der Ludwig Erhard zugeschrieben wird: "Wir sind wieder wer." Wenn das Fußballer bewirken können, dann haben sie Großes bewirkt.

3. Nützt es Merkel und Westerwelle, wenn die deutsche Elf heute gewinnt?

Wenn die deutsche Mannschaft siegt, ist das erst mal gut für Adidas und Co., die an der Weltmeisterschaft Millionen verdienen, und sie werden wesentlich weniger verdienen, wenn es danebengeht. Ein Sieg beim Fußball nützt aber der Politik auf jeden Fall. Da die Bundeskanzlerin gern unsere Nationalspieler herzt, nützt es natürlich der Bundeskanzlerin, wenn sie die Spieler wieder herzen könnte. Das kann sie aber nur, wenn unsere Mannschaft gewinnt und weiterkommt.

4. Schadet es der Stimmung im Land, wenn die deutsche Elf heute verliert?

Der Hang zum Jubeln dürfte dann schnell leiser werden und bald ersterben. Die Stimmung wäre matt und überall begegneten wir Menschen, die dann sagen, das haben wir ja gleich gewusst. Ähnliches haben wir zum Beispiel nach der Niederlage im Spiel gegen Serbien erlebt. Danach wurden einzelne Spieler abqualifiziert. Lukas Podolski hat da einen ganz vernünftigen Satz gesagt: Mal ist man der Held, dann wieder der Depp.

5. In Frankreich bewegt die Disziplinlosigkeit der Nationalspieler die Grande Nation. Warum identifizieren sich so viele, auch nicht Sportinteressierte, mit "ihrer" Mannschaft?

Sie werden mitgerissen. Was in Frankreich geschehen ist, hat Deutschland so noch nicht erlebt. Es ist auch unvorstellbar. Die Franzosen schämen sich ihrer Mannschaft und gehen schon nicht mehr zu den Public Viewings.