Debatte

Horst Köhler hätte nicht aufgeben dürfen

Der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke fordert außerdem eine gerechte Lastenverteilung beim Sparen. Das Volk wolle eine ehrliche Politik, kein Spektakel

Horst Köhler ist eine ehrliche Haut. Er sagt, was er sieht, spricht aus, was er denkt. Als einer der Ersten hat er auf das Finanzmonster aufmerksam gemacht, das uns alle bedroht. Er hat an Vertrauen als das wichtigste Kapital erinnert, immer wieder das dunkle Afrika ins Licht gerückt. Köhler steht für eine große Mehrheit, die dem politischen Spiel gegenüber fremdelt. Viele sagen: Die ehrliche Haut musste kapitulieren, weil sie im Ränkespiel der Politik keine Chance hat. Stand er wirklich allein da?

Ich sage, er hätte nicht aufgeben dürfen! Ein Repräsentant wie er fehlt uns. Und ich sehe Köhlers Figur als ein Signal: für das öffentliche geistig-politische Bewusstsein, für unsere demokratische Kultur. Wie glaubwürdig ist die Politik? Können, wollen wir ihr trauen? Was heißt Ehrlichkeit? Welche Konsequenzen sind notwendig? Eine Neubesinnung, eine Wende setzt in den Köpfen an, und zwar bei jedem Einzelnen. Am Anfang muss der klare gemeinsame Blick auf die Wahrheit stehen. Sehen wir, was Not ist: im eigenen Leben, in unserem Land, in der Einen Welt? Sehen wir mit einem guten Blick immer auch die eigenen Möglichkeiten, die Chancen zur Weiterentwicklung, zu einer kreativen Gestaltung des privaten und beruflichen Lebens.

Sehen wir nicht Schwarz, trauen wir uns etwas zu, geben wir gerade den Jungen ihre Chance. Sehr deutlich wird uns allen bewusst, dass wir in unserem Land lange Zeit großzügig über unsere Verhältnisse gelebt haben. Das kann nicht gut gehen, belastet unverantwortlich die Nachwelt, besonders die Schwachen. Klare und harte Einschnitte sind notwendig. Wir leben nicht auf einer Insel. Wir müssen wirklich begreifen, dass Deutschland ein Gewicht in Europa und in der Welt besitzt. Es nimmt uns in die Verantwortung. Und wir brauchen eine stabile Ordnung, eine handlungsfähige Politik. Sie demokratisch zu legitimieren liegt an uns allen.

Demokratie bleibt ein Ort des Lernens und der Bewährung. An oberster Stelle steht die gemeinsame Verpflichtung auf Gerechtigkeit und Recht für alle. Anderenfalls verkommt jede Demokratie.

In der Demokratie wählen wir Persönlichkeiten, Parteien mit ihren Programmen, die nach angemessenen Wegen suchen. Wenn sich die Handelnden streiten, widersprüchliche Botschaften ausstreuen, sich um die Wahrheit drücken, graust es das Volk. Sparen gilt für alle. Aber eine ungerechte Lastenverteilung dürfen wir uns nicht leisten. Sonst verliert die Politik die Menschen. Vergessen wir nicht: In der Demokratie zählen Mehrheiten, nicht die eingebildeten, sondern die gezählten. Wie können kluge Menschen blind dafür sein!

Die täglichen Meinungsumfragen mögen ein Stimmungsbarometer sein. Aber sie ersetzen nicht die vom Volk legitimierte Mehrheit. Das gilt auch für Stimmungsmache in so manchen klugen Feuilletons. Wenn die Wähler keine klaren Verhältnisse schaffen, muss es zu unseligen Kompromissen kommen, oft nicht nach meinem Geschmack, oft auf beiden Seiten hinkend. Das Volk will kein Spektakel, sondern eine ehrliche Politik. Es muss aber auch die Richtigen wählen können, ihnen eine Chance geben.

Zur Politik gehört der Streit. Wir wollen nicht zimperlich sein. Aber Streit ist nicht Selbstzweck, er muss zu einem Ziel führen, verlangt Disziplin. Beschimpfungen, verstärkt durch eine schrille öffentliche Begleitmusik, führen ein abstoßendes Schauspiel vor. Wo bleibt der Respekt vor der Integrität einer Person? Horst Köhler hat schwer unter solchen Erfahrungen gelitten. Mich empört die Scheinheiligkeit so mancher flotter Kritiker, die schon so vieles behauptet haben. Jetzt will es natürlich keiner gewesen sein. Warum soll das Selbstverständlichste unter uns Menschen nicht auch für die Politik verbindlich bleiben: Anstand und Verlässlichkeit?

Durch kritische Zeiten kommt man nicht mit einer Vogel-Strauß-Politik, nicht mit immer neuen Erregungszuständen. Der Wahrheit ins Auge zu sehen, an dem festzuhalten, was trägt, sich etwas zuzutrauen - das muss die Devise sein. Der Gottesmann und Kirchenvertreter erinnert immer auch an den Ganz Anderen, an Gott, den Christen als Vater, Sohn und Geist anrufen. Er will seinem Menschen viel zutrauen.