Hamburger Stadtteil St. Pauli

Reeperbahn: Rot, Licht, Millionen

Foto: Röhrbein

Nirgendwo in Deutschland wird mehr Geld abgehoben als bei den zwei Haspa-Automaten auf der Reeperbahn. Fürs Ausgehen, fürs Erobern und ...

Hamburg. Das Herz von St. Pauli ist gut beleuchtet und, wie es sich hier gehört, komplett diebstahlsicher. Es hat zwei Hochleistungskammern, und durch sein Inneres bewegt sich jener Lebenssaft in rauen Mengen, der den Hamburger Kiez am Laufen und seine Gäste aus aller Welt bei Laune hält: Geld. Wahnsinnig viel Geld. Fast 29 Millionen Euro jährlich. Das Haspa-Schlusslicht in Neuenfelde bringt es nur auf 3,6 Millionen Euro Umsatz.

Mit dem Schunkel-Klassiker von Hans Albers hat dieses kühl berechnende Herz von St. Pauli aber nur sehr bedingt zu tun. Es geht um die beiden Geldautomaten mit den schnöden Namen 206-3 und 206-4 vor der Filiale der Hamburger Sparkasse Ecke Hein-Hoyer-Straße und Reeperbahn.

206-4, direkt an der Straßenecke, und sein eineiiger Zwilling (jeder der beiden, so Haspa-Sprecher Marcus-Andree Schoene, kostet so viel wie ein gut ausgestatteter Kleinwagen) sind Füllhorn und Verlockung, Sehnsuchts-Erfüller und Freudenspender. Nirgendwo sonst wird so viel abgehoben. Das Rotlicht des Sparkassen-Logos lockt insbesondere Kiez-Fremdlinge an wie Motten das Licht, während glamourös gestylte Mädchen versuchen, beim Vorbeistöckeln nicht von ihren halsbrecherisch steilen Absätzen zu plumpsen.

Die beiden Automaten sind zentrale Requisiten auf einer Freiluftbühne, in einem Stück, das sich hier Nacht für Nacht neu und immer wieder anders abspielt. Es kann als Gesellschaftskomödie beginnen und als blutiges Drama enden. Es erzählt in vielen Sprachen von Freude, Lust und Einsamkeit auf den faszinierendsten 930 Metern Hamburgs. Jeden Monat erleben die beiden Maschinen etwa 33 000 Abhebungen. Rund um die Uhr. 365 kurze Tage und 365 lange Nächte pro Jahr. Freitags von 0 bis 24 Uhr werden 70 0000 bis 90 000 Euro gezogen, an guten Wochenenden können es schon mal 160 000 Euro sein. In jeden der beiden passt angeblich bis zu eine Viertelmillion Euro.

Da der Kiez nicht nur bustouristenkompatibel ist, sondern nach wie vor alles andere als ein Streichelzoo voller Menschenfreunde, wird vor den Geldautomaten gar nicht gern über Geld geredet. Das holt man hier in diskreter Vorfreude ab und gibt es woanders wieder aus. Wie Geronimo beispielsweise, der sagt, er sei Sprayer und aus Sachsen-Anhalt. Er beantwortet die Frage nach dem Warum aus der Tiefe seiner Kapuze mit: "Hauptsächlich für Bier. Und für die Jukebox: ABBA, die Beatles und Gorillaz."

Den Live-Soundtrack zu dieser Szene liefern Brot und Janus, zwei Straßenmusiker auf dem Bürgersteig neben 206-3. Brot hat seine Gitarre dabei und ist aus Hessen. Janus, aus der Schweiz, hockt im Schneidersitz neben ihm, sein Sopransaxofon in den Händen. Beide bezeichnen sich mit weltmännischer Gelassenheit als "Reisende". Janus will sich 15 Jahre lang in der Welt umsehen. Vier hat er schon rum.

Manchmal im Laufe dieser langen Nacht kann man vor den beiden Geldautomaten nicht mal bis zwei zählen, so schnell wird der Bürgersteig im Licht der Straßenlampe und dem Flackern der Neonreklamen zum Beziehungskrisengebiet. "Vertrau mir!", ruft kurz vor halb eins ein junger Mann einer Frau zu, die laut weint, weil in diesem Moment eine andere Frau sehr nah neben ihm steht. Boulevard-Theater live und mit viel Schminke. "Ich hasse es, wenn du weinst!", sagt er ihr. Sie glaubt ihm das sofort, und die andere kann wieder sehen, wo sie bleibt. Ein paar Stunden später kommt das Paar Arm in Arm erneut vorbei. War alles wohl halb so wild. Dieses Mal.

Wie international die Laufkundschaft auf der geilen Meile ist, zeigt nicht zuletzt auch die hohe "Fremdverfügungsquote": 50 Prozent der Abheber sind keine Haspa-Kunden, normal sind 20 Prozent. Zu den 50 Prozent zählen auch zwei junge Frauen aus Darmstadt, die sich eine Party-Nacht auf dem Kiez gönnen wollen. Hannah Kling hat eine Wohnung im Schanzenviertel in Aussicht, ihre Freundin Vera Bössenrodt geht bald nach Australien. Die 60 Euro sollen "für Alkohol und Zigaretten" draufgehen. "Wir genießen das hier, wir wollten heute zusammen rausgehen." Je länger die Schlange auf der Straße ist, desto besser wird darauf geachtet, sich bei der Bar-Bescherung keine Blöße zu geben. Wer das tut, könnte schnell zu dem werden, was nicht nur im Juristenjargon "Opfer" heißt.

Auf der Haspa-Seite dieses Reeperbahn-Abschnitts bewegt sich das Geld sehr schnell und legal zu seinem Besitzer; auf der anderen, in der Davidwache, stehen diejenigen Schlange, die ihre Euros fast genauso schnell los waren, nur nicht freiwillig. "Würden Sie jemandem, den Sie eben erst in einer Disco kennengelernt haben, Ihre EC-Karte mitsamt PIN geben?", hatte einer der Polizeibeamten im rustikal eingerichteten Bereitschaftsraum gefragt. Die einzig sinnvolle Antwort hatte er gleich selbst parat. "Ich würde das nicht mal meiner Freundin geben."

Eine der sichersten Zusatz-Einnahmequellen für die "Prostis" ist der gute alte Karten-Trick: Kurz vor Beginn der Dienstleistung geht die junge Dame nur mal schnell mit der Karte des Kunden an den nächsten Automaten, damit er auch alle seine Wünsche bezahlen kann, und bedient sich deutlich großzügiger als vereinbart. Früher oder später kann der Kunde wieder mit dem dafür vorgesehenen Körperteil denken. Dann steht er so verdruckst am Annahmeschalter der Davidwache wie jener Mann, der den Beamten zur Flüsterbeichte in die Ecke bittet. Sein Kumpel trägt rosa Techno-Fussel-Schienbeinschoner zur Stonewashed-Jeans und wirkt so erleichtert, als sei sein Kontostand nur ganz knapp an dem gleichen Kapital-Fehler vorbeigeschrammt. Bei 206-3 und 206-4 werden im Durchschnitt 120 Euro pro Buchung abgehoben, bei ihren Kollegen im Rest der Stadt sind es 40 Euro weniger. Wie weit man mit 120 Euro auf der Reeperbahn kommt, das hängt allerdings stark von persönlichen Vorlieben und Absichten ab.

Wenige Meter rechts, in einer der Table Dance Bars, reicht dieser Betrag nur für zwei 0,2-l-Piccolos, das sind nicht mehr als einige lächerliche Tropfen auf überhitzte Gemüter. Gegenüber bei Lucullus bekäme man fürs gleiche Geld 30 Koteletts gebrutzelt. Normale Bestellungen bewegen sich da zwar eher im Zweicurrymitextrascharf-Bereich, doch bei den Herren hinter dem Tresen würde auch wegen zweieinhalb Dutzend Portionen panierten Schweinefleischs die zenmeisterlich wortkarge Abgeklärtheit nicht ins Rutschen kommen. Denen ist alles wurst, was nicht Wurst oder wenigstens artverwandt ist. Direkt daneben, bei Schuh Messmer, gibt es für 120 Euro ein sehr ordentliches Paar flotter Fuß-Dessous.

Die roten Spaßdosen der Haspa sind randvoll mit Geld. Geklaut wird dort aber nicht mehr als anderswo, berichten die Beamten vom Revier gegenüber. Eher weniger. "Das wäre ja auch ziemlich bekloppt", meint einer, ausgerechnet auf dem gut ausgeleuchteten Präsentierteller hinzulangen, wenn man das viel unauffälliger in dunkleren Seitenstraßen oder vollen Klubs durchziehen kann. Inzwischen ist auch die Nacht auf Betriebstemperatur. Die Schlangen vor den Automaten sind lang, laut und hochprozentig lustig. Die zwei Zivilfahnder, kurz ZF, von der Davidwache, die ansonsten stundenlang auf Beobachtungsstreife sind, erzählen direkt vor der Haspa-Filiale, was man so alles an Kleinkriminalität sehen könnte, wenn man weiß, wie man sie erkennt. Doch um etwas zu sehen, stehen wir viel zu sehr auf dem Präsentierteller. Die Kundschaft der ZFs ist nicht blöd, auch die Unterwelt ist klein auf dem Kiez. Man kennt sich. Also bleibt es beim Theorie-Vortrag, über den Wiege-Trick beispielsweise: Am Automaten wird ein Opfer ausfindig gemacht, kurz danach macht sich der Taschendieb an ihn ran. Hebt ihn hoch und johlt: Hey, Digger, ich wette, ich weiß, wie viel du wiegst. Und schon ist das Opfer um genau ein Portemonnaie mitsamt Inhalt leichter.

"Ist schon wieder Vollmond?", meint um kurz vor drei Uhr einer der beiden ZFs amüsiert, als ein Zausel mit Sonnenbrille überm Bart und zwei Tischbeinen unterm Arm von links nach rechts vorbeischlurft. Einige Minuten später wiederholt sich der Kurz-Auftritt in die Gegenrichtung. Andere führen hier Schoßhunde aus.

Kurz nach drei Uhr kippt die Stimmung in Richtung Tragödie. Denn in der Davidwache vergießt eine Studentin herzerweichende Tränen, weil sie ihre Handtasche für einen Moment unbeaufsichtigt in einer Bar liegen ließ. Die Papiere, ihr iPod und auch etwas Geld sind weg. Vor allem aber ist das Vertrauen ins Gute im Menschen nach Wochenendbeginn dahin, hier, wo eben doch nicht alle nur Spaß haben wollen. Viele nehmen lieber gleich Bares.

Draußen vor der Reviertür läuft 206-3 auf Hochtouren. Ein mittelaltes, gutbürgerlich wirkendes Paar, das eben sein Spesenkonto aufgetankt hat, läuft an dem Bettler vorbei, der zusammengesunken vor der schweren Rolltür der Haspa-Filiale hockt, und wedelt mit seinen neuen Geldscheinen vor dessen Nase herum. Strafbar ist so eine Geste nicht, sollte sie aber sein. Dass Geld auch jüngere Charaktere verderben kann, zeigt die Szene, die sich um 4.45 Uhr vor dem McDonald's einige Schritte neben der Heimat von 206-3 und 206-4 abspielt. Mitwirkende sind ein junger Mann, vier Grazien mit fast endlosen Beinen und Mähnen und eine weiße Stretchlimousine. Eine nach der anderen jongliert sich auf High Heels aus der Rückbank-Tür. Zuerst geht's im Kükenmarsch auf die Damentoilette, dann für ein sehr frühes Frühstück in die Kundenschlange. Der Gastgeber draußen lässt unterdessen seinen Frauen- und Autogeschmack bewundern. Einigen Nachtschwärmern fallen vor Neid fast ihre Burger aus den Händen, nur die Klofrau sieht lächelnd zu. Was soll sein, sagt ihr Blick, ist doch nur Geld.

5.20 Uhr. Ein Straßenfeger auf vier Rädern, ein Putz-Wagen der Stadtreinigung, bürstet kantengenau über die Reeperbahn Richtung Westen, als erster Vorbote des kommenden Morgens. Dass die Nacht bald ein Ende hat, ist inzwischen auch auf der Davidwache zu erkennen. Die nächste Schicht ist da, der Abschied von den ZFs und dem Personal der Nacht ist verpasst. An 206-3 und 206-4, nach wie vor munter, spült es nur noch den Rest vom Fest entlang.

6.38 Uhr. Über die Nachtvorstellung von "Das Herz von St. Pauli" senkt sich der letzte Vorhang. Die Sonne geht auf, der Tag ist angeknipst. Das Morgenlicht ist sanft und ernüchternd. Die letzten Statisten verlassen mehr oder weniger aufrecht die Bühne. Nur zwei Männer wollen noch Bares. Auf die Frage, wofür er jetzt, um diese Uhrzeit, so dringend frisches Geld benötigt, antwortet der erste der beiden mit einem wütenden Blick und stapft Richtung Sonnenaufgang. Der zweite ist ein hübsch verstrubbelter Anfangzwanziger, nicht mehr vollständig wach im Gesicht, aber mittendrin ein hellwacher Blick. Er hat mit seinem Freund am Hamburger Berg zwei tolle Mädchen kennengelernt. Die beiden sollen nun Colas bei Burger King ausgegeben bekommen. "Dafür Geld leihen, das geht ja wohl gar nicht", meint er und schiebt ganz unironisch hinterher: "Das hier ist jetzt aber echt hochromantisch!" Seine Augen leuchten, das Grinsen ist breit, bevor er über die Kreuzung eilt. Die erste Diagnose: frisch verknallt. Ein klassischer Reeperbahn-Moment, morgens gegen halb sieben. Unbezahlbar. 206-3 und 206-4 haben ihren Job gut gemacht.