Amtsgericht verweist Fall zum Landgericht hoch

Opfer konnte Messerstecher doch noch identifizieren

Roman R. wurde niedergestochen, doch der mutmaßliche Täter konnte nicht ermittelt werden - bis gestern.

Er schwebte in Lebensgefahr, drei Tage lang. Bei einer Prügelei mit vier Männern auf der Reeperbahn wäre Roman R. beinahe gestorben. Einer hatte ihm am 30. Mai zweimal mit einem Faustmesser ins Herz gestochen. Identifizieren konnte der 27 Jahre alte Kaufmann den Messerstecher damals jedoch nicht. Das Problem: Die Staatsanwaltschaft konnte nicht ermitteln, wer zugestochen hat - und damit auch keinem der schweigenden Verdächtigen ein versuchtes Tötungsdelikt zuordnen. Sie klagte die Tat daher lediglich als gefährliche Körperverletzung an. Die Folge: Der Fall landete vor dem Amtsgericht, das Straftäter maximal vier Jahre hinter Gitter schicken darf.

Gestern die überraschende Wende: Im Gerichtssaal erkennt Roman R. den Angreifer wieder. "Das ist der da, mit dem schwarzen Hemd", sagt der Zeuge und zeigt auf Mesut P.

Er ist der jüngste Angeklagte. 18 Jahre alt, eher klein, ein wenig untersetzt. Er schweigt - wie die anderen - auch am zweiten Verhandlungstag. Stattdessen verliest ein Verteidiger eine gemeinsame Erklärung: Demnach trafen Mesut P., Muhammet C. (22), Philippe C. (22) und Emir S. (21) vor dem Pulverfass auf Roman R. und seine drei Freunde. Nach einer harmlosen Rempelei habe Roman R. sie beleidigt, und seine Freunde hätten sie angegriffen.

So habe sich das Geschehen mitnichten abgespielt, sagt Roman R. Der zunächst abgeklärt auftretende 27-Jährige wirkt empört. Sie seien angegriffen worden, die Angeklagten hätten den Streit provoziert. Und, da ist er sich auch ganz sicher: Der Messerstecher sei Mesut P. gewesen, als Einziger habe der 18-Jährige direkt vor ihm gestanden. "Ich habe brennende Schläge wahrgenommen." Passanten hätten ihn auf sein blutgetränktes T-Shirt hingewiesen, erst da habe er die Stichverletzungen registriert. Anhand der Fotos, die ihm die Polizei später vorlegte, habe er den Täter nicht erkannt. Nun ist er sich aber sicher: "Er war es, kein Zweifel."

Die Verteidiger torpedieren die Aussage des Opfers, die in mehreren Punkten diffus, ungenau und widersprüchlich sei. Hat Roman R. vielmehr nicht selbst einen Hang zur Gewalt? Verteidiger Mathias Huse reitet auf zwei Schlägereien herum, an denen der 27-Jährige vor Jahren beteiligt war. Ist das beharrliche Nachbohren von Huse bei der Befragung von Roman R. noch nachvollziehbar, so wirkt sein rüder Tonfall irritierend. "Das glaubt Ihnen keine Sau, was Sie hier erzählen", sagt Huse. Nur die Staatsanwältin, deren Ablösung wegen Befangenheit scheitert, protestiert zaghaft.

Das Gericht glaubt Roman R. und verweist den Fall zum Landgericht hoch. Vor der Großen Jugendkammer muss der Prozess in einigen Monaten neu aufgerollt werden. Als Messerstecher erkannt, sei Mesut P. hinreichend verdächtig, einen versuchten Totschlag begangen zu haben, so das Gericht. Sollte er verurteilt werden, drohen ihm nach Jugendstrafrecht bis zu zehn Jahre Haft. Ob die Staatsanwaltschaft nun einen Haftbefehl beantragt, ist unklar. "Es geht jetzt den richtigen Weg", sagt Roman R. "Aber erleichtert bin ich erst, wenn alles vorbei ist."