Marcel F. hatte zwei- oder dreimal gefragt, ob die Musik aus dem Handy ein wenig leiser gemacht werden könne. Mehr hat er nicht getan. Dann schlugen zwei Jugendliche ihn zu Boden, traten und sprangen auf seinen Kopf. Woher kommt diese Hemmungslosigkeit? Gibt es keine Schmerzgrenze mehr? Das Abendblatt fragte Wolfgang Sielaff, Ex-Polizeivizepräsident und Hamburg-Chef der Opferschutzorganisation Weißer Ring, nach möglichen Gründen.

"Wenn man sich die Kriminalitätsentwicklung ansieht, muss man feststellen, dass sowohl in Hamburg als auch bundesweit eine besorgniserregende Entwicklung eingetreten ist: Über die Jahre ist die Zahl der Gewaltdelikte und die der jungen Täter konstant angestiegen", sagt Sielaff. Der Fall in Bahrenfeld stehe dabei exemplarisch für eine besorgniserregende Entwicklung: "Wir haben es immer häufiger mit jungen Tätern zu tun, die hemmungslos und ohne Mitleid zuschlagen." Laut Sielaff ist solchen Tätern mit der Androhung härterer Strafen kaum beizukommen. "Wir müssen uns fragen, woher diese Gewalt kommt, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Wenn solche Taten passieren und Polizei und Justiz eingreifen müssen, sind bereits viele Sicherungen durchgebrannt." Auch wenn es nicht populär sei, so Sielaff, müsse man darauf hinweisen, dass gerade junge Gewalttäter in der frühen Kindheit häufig selbst Opfer waren. Sie wurden geprügelt, misshandelt und vernachlässigt, sie haben keine emotionale Zuwendung erfahren. Natürlich entschuldige das nichts, erkläre aber vieles.

Der Staat, so Sielaff, dürfe nicht immer erst dann auf den Plan treten, wenn es bereits zu Gewaltexzessen gekommen sei. "Vorbeugung ist der beste Opferschutz. Die Kriminalprävention muss einen höheren Stellenwert erhalten. Leider wird sie gegenüber der Strafverfolgung vernachlässigt." Nach schweren Gewalttaten werde häufig reflexhaft nach höheren Strafen gerufen. Aber das sei nicht der richtige Weg, sondern Populismus. Echte Vorbeugekonzepte greifen erst nach Jahren. Da Politiker nicht selten in Legislaturperioden denken, werden Langzeit-Konzepte zu oft verworfen oder gar nicht erst angegangen.

Der Weiße Ring in Hamburg engagiert sich in der Jugendgewaltprävention. Seine Kampagne "Zeichen setzen gegen Gewalt" ( www.zsgg.de ) gehe in diese Richtung. Kinder aus zerrütteten Familien, so Sielaff, sehnen sich nach Orientierung. Insofern seien Anti-Gewaltprojekte mit Kindern von allergrößtem Wert. "Nehmen Sie das Hamburger Projekt ,Boxen an Schulen', für das auch Susi Kentikian eintritt, oder Fußballcamps mit Fabian Boll vom FC St. Pauli. Dort lernen Kinder über den Sport soziale Regeln einzuhalten und Konflikte gewaltfrei zu lösen." Der Weiße Ring ( www.weisser-ring.de , Opfer-Tel. 0800/080 03 43) unterstützt die Projekte.