So war's – Abendblatt Geschichtswerkstatt

Hamburg und die Sklavenkasse

Piraterie: Im 17. Jahrhundert wurden Tausende hansischer Seeleute gefangen. Im Mittelmeer wurden Hunderte Schiffe von algerischen Freibeutern aufgebracht. Den Männern droht die Versklavung - deswegen gibt es eine Art Entführungs-Versicherung für das Lösegeld.

"Hamburger Schiff von Piraten gekapert, sämtliche Besatzungsmitglieder in Gefangenschaft, hohe Lösegeldforderung." Das könnte eine Meldung aus diesen Tagen sein, verbreitet via TV, Radio und Internet. Das Zitat könnte aber auch aus dem 17. Jahrhundert stammen - fast genauso schnell verbreitet, von Mund zu Mund. Und solch schlechte Nachrichten gab es immer häufiger in jenem kriegerischen Jahrhundert.

Denn die goldene Zeit der Hanse war längst vorbei - viele traditionelle Märkte wurden den Hamburgern verschlossen: Die englische Königin Elisabeth schließt 1598 den Stalhof, das Kontor der Hanse in London; Dänenkönig Christian IV. sperrt kurz darauf die Islandfahrt der Hansestädter und 1615 werden auch noch die Handels-Privilegien im wichtigen norwegischen Hafen Bergen gestrichen. Den Schiffern der Stadt blieb kaum etwas anderes übrig, als sich neue Fahrtgebiete zu suchen. Und so fuhren sie bis ins Mittelmeer. Dort allerdings lauerten oft Piraten auf sie, eine Gefahr, die sie in den ihnen bisher vertrauten Gewässern von Nord- und Ostsee schon 200 Jahre zuvor mit dem Sieg über Klaus Störtebeker und Co. gebannt hatten.

Von Buchten und Häfen der algerischen Küste aus durchstreiften schnelle und wendige Segler die Gewässer, um Schiffe zu kapern, ihre Waren an sich zu nehmen und die Besatzungen zuSklaven zu machen. Seeleute hatten nur dann eine Chance, ihre Heimat und die Familien wiederzusehen, wenn ein Lösegeld gezahlt wurde.

Doch weder die Familie eines einfachen Seemannes noch diejenige eines Schiffsoffiziers oder Kapitäns war in der Lage, die geforderten hohen Summen aufzubringen.

Als Reaktion gründeten die Hamburger 1622 die "Casse der Stücke von Achten", eine Art Versicherung, in die Seeleute Beiträge einzahlten, damit Geld für ihren Freikauf zur Verfügung stand. Es gibt diese Casse noch heute, allerdings liegt ihre Aufgabe längst nicht mehr im Freikauf von gefangenen Seeleuten. Heute betreibt sie an der Bernadottestraße in Othmarschen ein Pflegeheim mit dem Namen "Fallen Anker".

Eigentlich soll es in erster Linie pflegebedürftigen Seeleuten zur Verfügung stehen. "Aber es gibt ja kaum noch deutsche Seeleute und wenn, dann kommen sie selten aus Hamburg", beklagt sich Kapitän Jürgen Jeschke, Mitglied des Vorstands der Stiftung, die mittlerweile die älteste bestehende gemeinnützige Einrichtung in Hamburg ist. "Deshalb haben wir auch andere Menschen aufgenommen und uns auf die Behandlung Demenzkranker spezialisiert", ergänzt Hartmut Berndt, Geschäftsführer des Hauses "Fallen Anker". Für ihn hat diese Aufgabe eine besondere Bedeutung: "Es erfüllt mich mit Stolz, in einer so traditionsreichen Einrichtung zu arbeiten..."

Seeleute, die im 17. Jahrhundert für ihre Rückkehr aus einer möglichen Sklaverei vorsorgen wollten, zahlten vor Antritt jeder Reise eine bestimmte Summe in diese Kasse, und zwar in Pesos zu acht Realen, einer in Kastilien damals gebräuchlichen Silbermünze. Auf Spanisch hieß das "peso do octe" und eingedeutscht "Stücke von Achten"). Denn die Freikäufe wurden über Spanien abgewickelt.

Die Piraten des Mittelmeerraumes hatten regelrechte Tarife für die Lösegeldforderungen festgelegt. Für einen Schiffer verlangten sie umgerechnet 1000 Reichstaler, für einen Steuer- oder Zimmermann 700 Reichstaler und für einen Matrosen 60 Reichstaler.

In etlichen Paragrafen hatte Hamburg geregelt, wie das Lösegeld auszugeben sei. Wer als erster gefangen genommen wurde, sollte auch als erster freigekauft werden. Tapferes Verhalten beim Verteidigen des Schiffes wurde mit einem Bonus belohnt, während jene als letzte freigekauft wurden, die "beweislich sich nicht haben wehren, noch dem Schiffe würcklich beystehen und fechten wollen".

Der Beitrag in die Casse der Stücke von Achten war hoch. Schon bei einer Reise von Hamburg nach Lissabon und zurück betrug er für einen Matrosen etwa den Gegenwert von zwei Monatsheuern. Bei Eintritt in die Kasse waren zudem einmalig weitere 15 Stücke von Achten zu zahlen, also weitere drei Monatsheuern. Deshalb wurden Mannschaften im Gegensatz zu den Kapitänen und Steuerleuten nur selten Mitglieder.

Aus diesem Grunde schuf die Hamburgische Admiralität 1641 eine "Sklavenkasse", die für solche Seeleute den Freikauf ermöglichen sollte. In diese Sklavenkasse kaufte sich jeder Seemann mit einmal zwölf Talern ein. Danach wurde einer Verordnung vom 21. September 1653 zufolge jeweils ein Schilling jeder Mark der Heuer gleich einbehalten und an die Kasse abgeführt. Dafür war einem einfachen Seemann ein Lösegeld von maximal 500 Talern sicher.

Angesichts der immer häufiger werdenden Fälle von Piraterie reichten weder die Beträge zur Casse der Stücke von Achten, noch der Sklavenkasse aus, um die Seeleute freizukaufen. Denn eines war sicher - ein Mann, für den kein Geld gezahlt wurde, blieb sein Leben lang Sklave.

Das ließ die Christen in der Heimat spenden. In Hamburger Kirchen standen Sammelbehälter und daneben geschnitzte Figuren in Ketten und demütiger Haltung, um an die Spendenbereitschaft der Gottesdienstbesucher zu appellieren. Im Hamburg Museum ist eine ganze Gruppe dieser Figuren erhalten.

Zwischen 1719 und 1747 haben Piraten aus Algerien allein 50 Schiffe aus Hamburg aufgebracht und 633 Mann in ihre Gewalt gebracht. Piraterie war ein wichtiger Wirtschaftszweig für eine ganze Region - und bürokratisch organisiert. Hamburg zahlte allein in diesen Jahren ein Lösegeld von 1,8 Millionen Mark banco, der damals in der Stadt üblichen Währung.

Für einen der Gefangenen, den Steuermann Claus Petersen, ist eine genaue Aufstellung der Kosten erhalten. Für ihn hatten die Piraten ein Lösegeld von 1438 algerischen Piastern gefordert, das sind umgerechnet 3123 Mark banco. 1200 Piaster kassierte der Dey von Algier, 120 Piaster betrug der Zoll für das Geld, allein das Abnehmen der Ketten kostete 17 Piaster, der Oberschreiber des Dey erhielt acht Piaster und der Türschließer sieben. Viele Menschen also haben in Algier an der Gefangennahme und Auslösung christlicher Seeleute verdient.

Die Raubzüge gegen christliche Schiffe dauerten bis ins 19. Jahrhundert an. Noch im Jahre 1825 wurde der Hamburger Segler "Louise" unter Kapitän Jürgen Franz Heesch unweit von Lissabon Opfer eines Kaperschiffes, das ihn nach Tripolis brachte. Fünf Jahre später eroberten die Franzosen Algier und bereiteten der Piraterie ein Ende. Bis diese im frühen 21. Jahrhundert eine nicht mehr für möglich gehaltene Renaissance erleben sollte.

Alle Folgen der Serie "So war's" finden Sie unter www.abendblatt.de/sowars