Die Akte Hamburg

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Unter dem Aktenzeichen 7101 Js 886/06 fasst die Staatsanwaltschaft der Hansestadt Hamburg am 6. November 2009 das Ergebnis ihrer Untersuchungen in Sachen Dmitri Kowtun so zusammen: "Die in Hamburg durchgeführten Ermittlungen haben - auch in Verbindung mit den aus Großbritannien und Russland mitgeteilten Ermittlungsergebnissen - keinen hinreichenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten ergeben." Basis ist ein Aktenberg aus 36 Ordnern und mehr als 7000 Seiten. Die Behörden haben ganze Arbeit geleistet.


Mithilfe umfangreicher Vernehmungsprotokolle der Generalstaatsanwaltschaft in Moskau wurden zwei London-Reisen Kowtuns im entscheidenden Herbst 2006 penibel rekonstruiert. Eine Zusammenfassung:

London-Reise 16. Oktober 2009

Kowtun und der Mitverdächtige Lugowoi, beide kennen einander seit 30 Jahren und sind Freunde, fliegen nach England und treffen noch am selben Tag in den Räumen der Firma "Erinys" mit dem wenig später ermordeten Litwinenko zusammen.

Die Hamburger Fahnder haben notiert: "Das Gespräch dauerte etwa eine Stunde, wobei es um Partner für Erinys ging, die die Interessen der Firma auf dem Gebiet der Russischen Föderation vertreten sollten. (...) Wäre es zu einem Abschluss gekommen, hätte Litwinenko ein Vermittlungshonorar erhalten. Nach den Verhandlungen nahmen Lugowoi, Kowtun und Litwinenko zu dritt einen Imbiss in der Sushi-Bar Itsu im Hotel Ritz ein, wobei Litwinenko vor dem Essen über Magenprobleme geklagt haben soll."

Am folgenden Tag meldete sich Litwinenko mehrfach telefonisch bei Lugowoi, worauf man sich zu einem weiteren Treffen in den Räumen der Firma Risk Management verabredete. Anschließend begaben sich Litwinenko, Lugowoi und Kowtun zum Abendessen in einem Lokal in Chinatown. Während der Mahlzeit verließ Kowtun die beiden anderen Männer, da Litwinenko allein mit Lugowoi sprechen wollte.

Am Tag darauf flogen Kowtun und Lugowoi in einem Flugzeug der Gesellschaft Tansaero zurück nach Moskau.

London-Reise 1. November 2009

Am 31. Oktober flog Lugowoi mit seiner Frau, seinen Kindern sowie seinem Geschäftspartner Sokolenko erneut nach London. Weiter steht in der Akte: "Dort wollte sich Litwinenko ein Fußballspiel von ZSKA Moskau ansehen und mit seinen Kindern, die London noch nicht kannten, eine Stadtrundfahrt unternehmen. Die Reisenden nahmen im Millennium Hotel Quartier. Am 1. November stieß der Beschuldigte Kowtun - mit einem Flugzeug der Germanwings aus Hamburg kommend - zur Reisegruppe hinzu."

Zwischenstation Hamburg

"Der Beschuldigte war am 28. Oktober 2006 mit einem Flugzeug der Aeroflot nach Hamburg gekommen. Hier hatte er sich bis zum 1. November aufgehalten und seine geschiedene Frau (...), deren Mutter (...) sowie weitere Bekannte getroffen und bei diesen übernachtet, einige Einkäufe getätigt und das Ausländeramt im Bezirksamt Hamburg-Altona aufgesucht, um dort seine Aufenthaltserlaubnis verlängern zu lassen. Angesichts der in Hamburg an verschiedenen Aufenthaltsorten des Beschuldigten festgestellten Kontaminationen steht fest, dass Kowtun zu diesem Zeitpunkt bereits mit Polonium-210 in Berührung gekommen war."

Die Hamburger Staatsanwaltschaft reichert diese Recherche mit zahlreichen Vernehmungs-Mitschriften, Dokumenten, Zeugenaussagen, aber auch Auswertungen diverser Telefonprotokolle an. Die offiziellen Genehmigungen für diese Maßnahmen sind akkurat abgeheftet. Dies betrifft auch sämtliche Erkenntnisse im Zusammenhang mit den später an der Erzbergerstraße zu Ottensen und anderswo gefundenen Poloniumspuren. Sogar ein von Kowtun ausgefüllter Vordruck in der Ausländerakte war radioaktiv verseucht.

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