Leserbriefe

Leser diskutieren über Denglisch

Magie der Sprache

"Dummdeutsch und Denglisch - wie wir unsere Sprache zerstören", Hamburger Abendblatt, 12. September; Ansichtssache, Hamburger Abendblatt, 19. September

Ich glaube, vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie sehr sie in ihrer Sprache wurzeln.

Sprache kommt einen langen Weg und ist für die Gestaltung eines Lebens, für Orientierung und Erkenntnis, unverzichtbar.

Sprache ist mehr als nur sozialer Kitt oder Konstruktionshilfe für eine Pose. Gerade wenn die Mitteilung von Befindlichkeiten fast ausschließlich aus dem Nachplappern profanster Worthülsen und absurdem Pseudo-Englisch besteht, erreicht die Idee der Kommunikation ihre Grenzen, weil nicht einmal der Sprecher mehr weiß, wie echt und wahr das ist, was er vielleicht sagen möchte.

In diesem Zusammenhang wäre es interessant, die Unlust an der Differenzierung von Sprache in Deutschland bzw. die "Sprachverweigerung" bestimmter Migrantengruppen mit dem Phänomen der Scham zu untersuchen.

Das Echo der Scham über die Schuld an einem großen Verbrechen ist in Deutschland möglicherweise unbewusst für manche junge Menschen immer noch ein Grund, sich schwach zu fühlen, wenn man diese Sprache spricht.

Aber die Magie von Sprache und ihre Kraft entfalten sich nur für diejenigen, die durch Lesen und Schreiben Freude daran haben, sich mit ihr zu beschäftigen.

Unbestritten ist die Sprache ständiger Wandlung unterworfen und entwickelt sich aus modischen Versatzstücken anderer Sprachen und der Jugendkultur. Das ist allerdings kein Grund, wortlos zu bleiben, wenn der Ausdruck verkümmert.

Sprache bleibt die Übersetzung von dem, was Leben ausmacht: Gefühlen, Leidenschaften und Selbstvertrauen. Und je differenzierter eine Kultur sich in ihrer Sprache abzubilden vermag (selbstverständlich auch in der populären Musik), desto klüger und sensibler werden die Menschen dieser Gemeinschaft mit einem seelischen und geistigen Nutzen beschenkt.

Michy Reincke, per E-Mail

Kulturverlust

Beide Standpunkte, obwohl konträr, stellen sich in sehr abgerundeten Argumentationen dar und sind deshalb mit Gewinn zu lesen. Dennoch scheint mir Prof. Dr. Stefanowitsch in seiner wissenschaftlichen Distanziertheit zu unserer Muttersprache den Einfluss des Angelsächsischen aufs Deutsche auf die leichte Schulter zu nehmen; denn aus meiner Sicht ziehen die historischen Vergleiche mit früheren sprachlichen Bedrohungen nicht, da sie nicht so rasant und von so total(itär)er Breite und Tiefe waren. Das blinde Vertrauen in einen "evolutionären Prozess" setzt nicht nur die Verständigung zwischen den Generationen, sondern den Erhalt der kulturellen Identität aufs Spiel. Wir machen uns z. B. unsere Klassiker fremd. Das resultiert in Kulturverlust, Werteverlust. Müssen sprachwissenschaftliche Distanz und Liebe zur eigenen Muttersprache einander ausschließen? Unsere Sprache braucht keinen Geschmacksverstärker.

Jürgen M. Streich, per E-Mail

Neue Amtssprache?

Ich bin sehr dankbar für Ihren Artikel, da ich mich seit Langem frage, ob noch anderen Deutschen auffällt, was mit ihrer Muttersprache geschieht. Seit vielen Jahren warne ich vor der Zerstörung der deutschen Sprache durch immer mehr Anglizismen, oft mit dem Verweis "auf Neudeutsch oder sogenannt". Ist denn die englische Sprache unsere "neudeutsche" Muttersprache geworden und wird demnächst als neudeutsche Amtssprache eingeführt?

Man kann die Beispiele für die geistlose Nutzung englischer Wörter beliebig fortsetzen, da man selbst in jedem kleinen Ort nicht mehr ohne englische Bezeichnungen auskommt. Aber auch Medien, Politiker und junge Autoren müssen in fast jeden Satz englische Wörter einstreuen - es klingt ja so gebildet! Mein Vorschlag an alle Migranten lautet: Lernt gar nicht erst Deutsch, da diese Sprache in einigen Jahren sowieso nicht mehr existiert. Selbstverständlich müssen Fremdsprachen erlernt werden, aber ohne Muttersprache verliert jede Nation ihre Identität.

Gerlinde Lau, per E-Mail