Ehrenbürger Kurt Körber

"Geht nicht" kam bei diesem Mann nicht vor

Als Optimist war Kurt Körber unschlagbar, als Unternehmer unbeirrbar, als Stifter unbezahlbar. Am Montag wäre er 100 Jahre alt geworden.

Publizist Hermann Schreiber würdigt den Hamburger Ehrenbürger.

Kurt Körber war anders. Das "Genie von Bergedorf", wie Richard von Weizsäcker, den er verehrte, ihn einmal genannt hat, war eben zufolge dieser Genialität immer anders als die anderen. Und eben darin - das wird er gewusst, mindestens gespürt haben - lag seine Stärke. Er wollte der sein, der er war, auch in seiner eigenen Widersprüchlichkeit, und mit seinen unangepassten Gedanken eine Antwort auf die Frage finden, wie man die Wirklichkeit verändert. Und verändern, verbessern wollte er immer.

Warum aber hat sich der erfahrene, hoch geehrte Stifter Dr. Kurt A. Körber immer wieder Ziele gesetzt, die manchmal seine auf die Realisierung angesetzten Mitarbeiter auch mit unbewaffnetem Auge als unerreichbar erkennen zu können glaubten? Die Antwort auf diese Frage ist so simpel, wie sie klingt: Er konnte nicht anders. Es war seine einzige Möglichkeit, das zu erlangen, was er "ein erhöhtes Lebensgefühl" genannt hat. Geld, Luxus und alle legalen oder illegalen Drogen der Welt hätten es ihm nicht verschaffen können. Was aber, wenn das "erhöhte Lebensgefühl" zu schwinden drohte? Dann musste ein neues Projekt her. Wenn Körber ein Problem als solches erkannt hatte, dann musste er versuchen, es zu lösen: "Ich kann einfach nicht still im Wagen sitzen und zuschauen. Ich muss in die Speichen greifen, immer in etwas Neues einsteigen."

Und er war ein unbeirrbarer Optimist. Als Techniker und als Erfinder weigerte er sich zu glauben, dass ein erkanntes Problem unlösbar sei, so wie er sich weigerte zu glauben, dass ein Mensch, der singen könne, nicht auch Geige spielen könne, wenn er es nur ernsthaft genug versuche. "Geht nicht" - gibt's nicht. Das sagte ihm sein Instinkt, und der war größer als seine Kenntnis.

Ihn als Förderer des Theaters und der Oper zu gewinnen war nicht schwer, und der damalige Bürgermeister Max Brauer zeigte dabei großes Geschick. Bei der Feier zur Einweihung einer Montagehalle in Körbers Bergedorfer Werk fragte er den Hausherrn, ob er nicht im Thalia-Theater den Aufsichtsratsposten des altershalber ausscheidenden Ascan Klée Gobert, des Vaters von Intendant Boy Gobert, übernehmen wolle. Körber hat in dieser Position nicht nur ein halbes Dutzend Kultursenatoren und fünf Intendanten "überlebt", vor allem hat er durch die von ihm mit einem Grundkapital ausgestattete Stiftung "Wiederaufbau Thalia Theater Hamburg" die Initialzündung für die Wiederherstellung des im Krieg schwer zerstörten Theaters mit öffentlichen Mitteln gegeben; die Mittel seiner Stiftung durften nur für die Inneneinrichtung verwendet werden.

Auch die "Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Staatsoper" war so eine Anstiftung, denn Körber hatte sie unter der Bedingung ins Leben gerufen, dass künftig Mehreinnahmen nicht mehr wie bisher dem Staat, sondern der Stiftung (und damit wieder der Oper) zufielen. Diese Bedingung wurde vom Senat akzeptiert - wohl auch weil der berühmte Rolf Liebermann sonst nicht länger Intendant der Oper geblieben wäre.

"Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass man zum Kunstverständnis nicht geboren wird, sondern durch häufige Begegnung mit der Kunst erzogen werden kann", hat Körber in einem Aufsatz zum Thema "Kunst und Technik" geschrieben. Ob er dieses Ceterum censeo nun auch auf sich selbst beziehen wollte oder nicht - es ist zu einem Schlüsselsatz vieler seiner stifterischen Aktivitäten geworden. Nachdem 1956 eine "Stiftung zur Förderung der Hamburgischen Kunstsammlungen" als Bürgerinitiative ins Leben gerufen wurde, war Körber jahrzehntelang im Stiftungskuratorium aktiv.

Dass er mit dem Einfluss eines Kurators zufrieden sein würde, konnte niemand annehmen, der Kurt Körbers Ambitionen auch nur einigermaßen richtig einschätzte. Er war es tatsächlich nicht. "1979 begann es", steht in seiner Autobiografie. "Damals stellten Bundespräsident Scheel, Rolf Liebermann und ich uns die Frage: Kann Kultur kitten?" Die Antwort war eine im Wesentlichen von der Körber-Stiftung getragene "Europäische Kulturinitiative", deren Höhepunkt eine Ausstellung wurde.

Es war also wohl eine kühne, aber die Dimension des körberschen Engagements ganz richtig einschätzende Idee des damaligen Ersten Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi, den Stifter Ende der Achtzigerjahre für die Renovierung und den Ausbau der maroden Hamburger Deichtorhallen in ein Ausstellungszentrum für moderne Kunst zu begeistern. Die beiden Markthallen, erbaut 1911, drohten nach dem Umzug der Händler auf den neuen Großmarkt buchstäblich zu verfallen. Sie gehören aber zu den wichtigsten bautechnischen Kulturdenkmälern der Hansestadt. Körber sah sich die riesigen Räume an und fing Feuer. Er bat Experten um ihre Einschätzung und ließ Voruntersuchungen an den Baukörpern vornehmen.

"Während dieser Zeit der Vorentscheidung", so hat Körber die Geschichte erzählt, "lud mich der Bürgermeister zu einem privaten Abendessen ein. Ich erinnere mich genau an den köstlichen Fisch und an die erlesenen Weine. Der harmonische, unbeschwerte Abend, die anregenden Gespräche, das kulinarische Mahl, aber insbesondere meine wachsende Überzeugung, über eine sinnvolle, in die Zukunft weisende Investition zu entscheiden, entlockte mir an jenem Abend ein vorbehaltloses Ja zu den Deichtorhallen." Aber nachdem Körber zugestimmt hatte, auch das gesamte Freigelände neu zu gestalten, "hatte sich die Kostenschraube zu satten 25 Millionen hochgedreht. Wahrhaftig, dies wurde das teuerste Fischessen meines Lebens."

Kurt Körber, der stiftende Unternehmer und der unternehmende Stifter, hat immer versucht, die PR-Interessen seines Unternehmens und seiner Stiftung sozusagen übergreifend wahrzunehmen. Es wäre naiv anzunehmen, dass er dies bei einem so gewaltigen Investment wie dem für die Deichtorhallen anders gesehen haben könnte - auch wenn er gelegentlich gesagt hat, er habe als in Hamburg reich gewordener Industrieller doch nur seiner "Bürgerpflicht" Genüge getan.

Die ursprüngliche Idee war, vor den Deichtorhallen ein bekanntes, anerkanntes Kunstwerk, wie die Moore-Plastik vor dem Bonner Kanzleramt, aufzustellen. Ein solches Kunstwerk erstens zu bekommen und zweitens zu bezahlen erwies sich aber als ausgeschlossen. Ein der Stiftung bekannter Künstler namens Hengst wurde beauftragt, eine für den Eingangsbereich der Deichtorhallen geeignete Plastik zu entwerfen. Auf diesen Entwurf nahm Körber offenbar massiv Einfluss, während der zum Vorstandsvorsitzenden der Stiftung berufene Ulrich Voswinckel mehrere Wochen in Afrika zu tun hatte. Als er zurückkam, "vorgewarnt durch Faxe nach Kapstadt, bekam ich einen furchtbaren Schreck ... Die beiden Ringe, die eindeutig unser Firmenemblem sind, wurden in einer ganz anderen Form konzipiert, als sie heute zu sehen sind" (hergestellt übrigens von Blohm und Voss).

Körber war in seinem Haus am Tegernsee, und Voswinckel wandte sich in seiner Not, wenige Tage bevor das Modell der Presse vorgestellt werden sollte, an Rolf Liebermann. Der fand den Entwurf ebenfalls nicht akzeptabel. Er sagte Körber deutlich seine Meinung dazu, und Voswinckel gestand Körber, "dass ich mit Liebermann zuvor gesprochen hatte". Körber war sehr wütend darüber, dass die Kritik an dem Entwurf nun auch von Liebermann kam. Immerhin ließ er "in einer Nacht-und-Nebel-Aktion" das ganze Modell ändern. "Im Grunde ist es das Firmenemblem geblieben, was ich nicht für eine gute Lösung hielt, aber in der Ausgestaltung war es wesentlich erträglicher", so Voswinckel.

Außerhalb der Stiftung und der Firma war die Kritik an Körbers Ringen vor den Deichtorhallen noch viel härter. Der damalige Kultursenator Ingo von Münch monierte öffentlich, dass Körber dort sein "Firmenschild" angebracht habe, und verwies auf die vornehme Zurückhaltung anderer Hamburger Stifter und Mäzene. Auch das von Körber mit einer Public Relation Agentur konzipierte Eröffnungsprogramm mit städtebaulichen Exponaten unter dem Titel "Stadt im Fluß" und mit "Maritimen Leckerbissen" einschließlich Buddelschiffen wollte, so die FAZ, "den Körber-Opponenten nicht recht einleuchten. Tenor dieser auf Geschmacksfragen eingeengten Kritik: Biedermann als Anstifter".

Mit solcher Kritik kam Kurt Körber schwer zurecht. "So etwas", meint Ulrich Voswinckel, "war für ihn wohl das Schlimmste, das er sich vorstellen konnte". Es traf ihn in jenem Kern seines Selbstverständnisses, dem seine Antriebskräfte entstammten. Er war überzeugt davon, dass er nur Gutes tue - und er sah überhaupt nicht ein, warum man Gutes im Verborgenen tun solle.

Mit dem Verdacht der Eitelkeit, den ja auch die meisten seiner Freunde und Helfer teilten, konnte er viel besser umgehen - es war ihm schließlich nicht entgangen, dass er sich mit seiner Eitelkeit in bester Gesellschaft befand. Und auch der Vorwurf, der Anstifter Körber errichte sich Denkmäler (und lasse sie auf die Dauer von anderen bezahlen), traf ihn kaum. Denkmäler interessierten ihn wenig, sie waren ihm viel zu statisch, sie standen bloß herum und taten nichts.

Über seinen Nachruhm hat Kurt Körber sich keine Illusionen gemacht. Für die Glückwünsche zur Ehrenbürgerwürde hat er sich mit einem Zitat des Jakobiners Nicolas de Chamfort bedankt: "Ehrungen und Auszeichnungen sind Blumen auf der Wiese der Kultur, die schnell verwelken. Entweder hält sich das Lebenswerk eines Menschen durch sich selbst, seinen eigenen Nachklang oder gar nicht."

Kurt Körbers Lebenswerk steht in unserer Verfassung: "Eigentum verpflichtet". Er selbst hat sich bewusst "zwischen die Systeme" gesetzt und dort seinen Platz gefunden. Dazu gehört auch, dass er, als er 50 Jahre alt wurde, die Kurt-A.-Körber-Stiftung gründete. Spätestens dann war ihm nämlich klar, dass er etwas sein wollte, was es eigentlich gar nicht gibt: ein gemeinnütziger Kapitalist - ein Unikum, ein weißer Rabe; oder, wie sein Freund Helmut Schmidt rückblickend gesagt hat: "Ossi und Wessi in einer Person."

Von Abendblatt-Kolumnist Hermann Schreiber (80) ist das Buch erschienen: "Kapitalist mit Gemeinsinn - Ein Essay über Kurt A. Körber" (Edition Körber-Stiftung 2009, 224 Seiten, 20 Euro). Dieser Text ist ein variierender Auszug daraus.