Heute eröffnet der Dom

"Geschäft läuft rund wie ein Riesenrad"

Kirmes in der Krise? "Die Leute fahren nicht in den Urlaub, sondern mit der Achterbahn", sagen die Schausteller.

Hamburg. Sein Urgroßvater war Schausteller. Und dessen Opa auch. Zur sechsten Generation gehöre er, schätzt Thomas Meyer (31). "Genau weiß ich das nicht, weil doch immer innerhalb des Gewerbes geheiratet wird." Gewerbe - damit meint er das Familienleben auf dem Rummelplatz und das Geschäft mit der Kirmes, das manchmal der Berg-und-Tal-Fahrt einer Achterbahn gleicht.

In dunkler Arbeitshose und grauem Pulli steht Thomas Meyer vor dem gelb-blauen Doppellooping "Teststrecke". Doppeldeutig ist der Name dieses Fahrgeschäfts, das Meyer und sein Cousin Theo Rosenzweig (38) für drei Millionen Euro einem amerikanischen Freizeitpark abgekauft haben. Heute, wenn auf dem Heiligengeistfeld der Sommerdom eröffnet, feiert die Achterbahn Europa-Premiere. "Mal abwarten, ob die Bahn gut ankommt", sagt er und klopft dreimal auf den Holztisch in seinem Wohnwagen. Ob seine kleinen Söhne Hansi (4) und Hugo (1) irgendwann einmal die Geschäfte führen werden, wisse er nicht, sagt er nachdenklich. "Es hängt davon ab, ob die Einnahmen in 20 Jahren noch für einen guten Lebensstandard reichen."

Vieles habe sich verändert, seit sein Großvater nach dem Zweiten Weltkrieg wieder anfing, mit einem zwölf Meter hohen Riesenrad, das er selbst zusammengezimmert hatte, über die Volksfeste zu tingeln. Auch Thomas Meyer und sein Cousin betreiben außer der neuen Achterbahn noch die Wildwasserbahn und ein Riesenrad, das 60 Meter hoch ist. Allein für die 400 Tonnen Material der Wildwasserbahn müssen sich 41 Transporter über Deutschlands Autobahnen schieben. "Der logistische Aufwand, die Bürokratie und Kosten wie Sprit, Versicherungen oder Standgebühren sind natürlich seit Großvaters Zeiten deutlich gestiegen." Aber Thomas Meyer mit seinem jungenhaften Lachen ist kein Jammerer. Über die Krise spricht er abgeklärt. Auch weil seine Familie - mit drei Fahrgeschäften auf dem Dom - sie nicht stark spüre. Und wieder klopft er auf Holz. "Die Menschen fahren in diesem Jahr wenig in den Urlaub, aber viel Karussell." Ein neues Auto können sich manche nicht mehr erlauben, aber einen Bummel über den Dom schon.

Volksfeste laufen - trotz teils leichter Umsatzrückgänge - noch rund wie ein Riesenrad. Manche sagen, sie gehören zu Deutschland wie Goethe oder Bier. Einer, der das sagt, ist Christoph Jansen vom Deutschen Schaustellerbund (DSB). 178 Millionen Besucher seien im vergangenen Jahr auf den 12 400 Festen zwischen Flensburg und Füssen gezählt worden. Der Dom, der in diesem Frühjahr vier Millionen Menschen angelockt hatte - fast eine Million mehr als im Frühjahr 2008 - sei beliebt. "Ein Bummel bietet eine Pause von Sorgen und schlechten Nachrichten", sagt Christoph Jansen.

Davon wollen auch die 259 Schausteller profitieren, die auf dem Heiligengeistfeld dabei sind. "Wir hoffen, dass der Sommer wieder ein großer Erfolg wird", sagt Hans-Werner Burmeister vom Hamburger Landesverband der Schausteller. Allerdings mache sich der demografische Wandel bemerkbar. "Wurstbuden laufen, aber den Kinderkarussells bricht zunehmend die Kundschaft weg", sagt DSB-Sprecher Jansen.

Mit der Wildwasserbahn setzt Thomas Meyer, der jedes Jahr auf sechs Volksfesten mit seinen Fahrgeschäften vertreten ist, auf junge Familien. "Ein Vater muss im Schnitt für vier Fahrten zahlen. Wie viel kann er ausgeben?", fragt Meyer. Maximal 3,50 Euro pro Fahrt, schätzt er. "Diesen Preis haben wir seit Jahren nicht erhöht, weil der Kunde das womöglich nicht mitgehen würde."

Nichts sei verheerender als ein Fahrgeschäft, das nicht laufe. "Wenn das Ding leer bleibt und aus der Mode kommt, kann man es abhaken." Umso wichtiger sei ein Erfolg der "Teststrecke". In den USA hätte er beim Kauf schnell zugreifen müssen. "Ich hoffe auf eine Marktlücke", sagt Meyer. "So einen Doppellooping gibt es derzeit auf den Volksfesten noch nicht."

Von der Veranda eines Wohnwagens ruft ein kleiner blonder Junge nach seinem Vater. Hansi hat eine Mini-Achterbahn gebaut. "So ist das", sagt Thomas Meyer und lächelt. "Als Kind habe ich auch nie mit Eisenbahnen gespielt, sondern mir aus Klötzen Achterbahnen gebaut." Vielleicht führen seine Söhne die Tradition doch eines Tages weiter. In siebter Generation.