Gastbeitrag: "Spiegel"-Redakteur Jan Fleischhauer

Wann findet die SPD zum Bürgertum zurück?

Vor Kurzem saß ich mit Ole von Beust zusammen, um über den Zustand der CDU in Hamburg zu reden. Es gab in letzter Zeit definitiv nicht viel Erfreuliches für ihn.

Seine Schulsenatorin bringt gerade jede Menge braver, bürgerlicher Wähler gegen sich auf; die Landesbank muss mit Milliarden gestützt werden, ohne dass jemand sagen kann, dass es etwas nützt. Eigentlich müsste sich der Bürgermeister Sorgen machen, aber er war ganz entspannt, sein Gleichmut wirkte nicht einmal gespielt. Beust hat einen Riesenvorteil, der ihn von vielen seiner Amtskollegen unterscheidet: Es gibt weit und breit keinen Herausforderer, der ihm gefährlich werden könnte. Ich glaube, niemand außerhalb Hamburgs weiß, wer die SPD dort derzeit anführt, und selbst in der Stadt werden es nicht viele sagen können. Das Einzige, was in regelmäßigen Abständen für Nachrichten sorgt, sind die Stimmzettel, die vor Jahren abhanden gekommen sind und bis heute unter Mitgliedern für Verdruss sorgen.

Die Sozialdemokraten haben in vielen ehemaligen Hochburgen Terrain verloren, aber nirgendwo ist der Absturz so groß wie in Hamburg. Die SPD war hier immer mehr als eine auf die klassische Kernklientel beschränkte Milieupartei der kleinen Leute, sie war über lange Zeit die Partei des gehobenen Bürgertums. Daraus bezog sie ihr Selbstverständnis und ihren Machtanspruch. Ich zum Beispiel kenne gar nichts anderes als die Dominanz der Sozialdemokratie in Hamburg, was aus Sicht eines in Stuttgart oder München Geborenen alles andere als selbstverständlich ist, weil ich in Wellingsbüttel aufgewachsen bin, einem Viertel, was man gemeinhin Villenviertel nennt, und wo man in anderen Teilen der Republik mehrheitlich der CDU nahe steht.

Die Freunde meiner Eltern wählten alle SPD und deren Freunde natürlich auch. Irgendwo muss es in unserer Nähe auch ein paar Unionsanhänger gegeben haben, vermutlich sogar unter den Nachbarn, aber man sah sie nie. Im Hockeyklub traf man Henning Voscherau, den späteren SPD-Bürgermeister, und beim Einkaufen den "Panorama"-Chef vom NDR, der gerade ein kritisches Feature über Franz Josef Strauß und die Waffenlobby fertiggestellt hatte. Meine Mutter ist 1969 den Sozialdemokraten beigetreten, aus Begeisterung für Willy Brandt. Sie hat ihre Verpflichtungen dort immer sehr ernst genommen. Ich habe sie in all den Jahren nicht einmal sagen hören, dass der Partei ein Fehler unterlaufen sei. Taktische Schwächen sicher, aber nichts Ernsthaftes. Mein Vater stand der SPD eher gefühlsmäßig nahe. Ich habe ihn später einmal in Verdacht gehabt, heimlich für die CDU gestimmt zu haben, als Lafontaine gegen Kohl antrat, aber er hat das immer vehement abgestritten. Jeder Seitensprung wäre aus Sicht meiner Mutter verzeihlicher gewesen als eine Stimme für den Mann aus Oggersheim.

Meine Eltern waren typische Vertreter des Linksbürgertums, das sich in den 70er-Jahren im Norden etablierte und in Leuten wie Klaus von Dohnanyi und eben Voscherau angenehm unaufgeregte Repräsentanten erblickte. Man war in diesen Kreisen selbstverständlich links, dazu wohlhabend, gebildet, in Maßen globalisiert, mit klaren Wertvorstellungen und Regeln, wozu in unserem Fall die Ablehnung amerikanischer TV-Serien und das Verbot von Comics gehörte - es sei denn, sie stammten aus Frankreich, womit sie als kulturhaltig und damit kindgerecht galten.

Das gehörte zu einem Lebensstil, der sich unverändert gehalten hat, das Problem für die Sozialdemokraten in Hamburg ist nur, dass er sich eben immer weniger mit einer Stimmabgabe für sie verbindet, und immer häufiger für die Grünen oder die Nichtwähler.

Meine Mutter ist vor einem Jahr aus der SPD ausgetreten, wegen Kurt Beck und seinem überraschenden Flirt mit der Linkspartei. Sie ist überzeugt, dass dieser Schwenk in letzter Sekunde vor der Bürgermeisterwahl ihrem Kandidaten Michael Naumann die entscheidenden Prozente gekostet hat. Es wird sich nie belegen lassen, ob sie recht hat, aber mit Sicherheit war der "Zeit"-Herausgeber für lange Zeit die beste Gelegenheit für die Sozialdemokraten, in der Hansestadt an die Macht zurückzukehren. Wenn sich nicht bald jemand findet, der die bürgerlichen Reflexe der Wähler anspricht, anstatt nur den Stallgeruch der SPD-Betriebsgruppe zu verbreiten, wird der Niedergang der Hamburger Sozialdemokraten unaufhaltsam weitergehen, trotz Bankenkrise und Schulreform.

Jan Fleischhauer: "Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde", Rowohlt, 16,90 Euro