Vor einem Jahr wurde der Sohn von Cukacs vor der Disco totgeschlagen

Der Tag, an dem Weihnachten starb

Jeden Tag fahren sie zum Friedhof, jede Stunde denken sie an ihn - und die Nacht, in der Branimir sterben musste: die Heilige Nacht.

Seine Jeans liegen im Kleiderschrank, sein Studentenausweis hängt an der Pinnwand neben dem Führerschein und sein Bett ist ordentlich gemacht. So, als ob Branimir Cukac jeden Moment zur Tür reinkommt, seine Jacke über die Garderobe wirft und fragt: "Was gibt's heute zu essen?". So, wie er es immer gemacht hat. Immer, wenn er von der Uni oder der Arbeit nach Hause kam. Immer, wenn er bei Freunden oder beim Joggen gewesen war. Bis zu jenem 24. Dezember im vergangenen Jahr, als sich Branimir (27) nach dem Familienessen von seinen Eltern verabschiedete, zur Arbeit und anschließend in die Disco fuhr - und in den frühen Morgenstunden des Ersten Weihnachtstages starb. Allein auf einem Parkplatz. Zu Tode geprügelt von einem gerade mal 21-Jährigen. Erstickt an seinem eigenen Blut.

Es war ein Streit aus nichtigem Anlass, eine Rempelei in der überfüllten Disco Balkan Nights in Niendorf. Doch in dieser Nacht, der Heiligen Nacht, wird ein falsches Wort zur Frage der Ehre, eine Schlägerei zum Totschlag. Am Ende gibt es ein Opfer, einen Täter und einen Prozess, gibt es Eltern, denen nichts geblieben ist außer der Erinnerung. Und einem leeren Zimmer mit Erinnerungsstücken.

Manchmal, wenn sie Branimir nah sein wollen, gehen seine Eltern Rudolf (64) und Branka (51) in das Zimmer ihres Sohnes, blättern in seinen Büchern, hören seine Musik. Manchmal öffnet Branka Cukac den Kleiderschrank, nimmt eine Jeans heraus, atmet den Geruch ihres Sohnes ein und hofft. Hofft, dass der Schmerz irgendwann nachlässt. Dass der Hass irgendwann nachlässt. Sie hofft vergebens.

"Es gibt nichts, was uns trösten kann", sagt Branka Cukac. Nichts, was die Trauer erträglicher macht. Nichts, was die Schuld entschuldigen kann. "Egal, was gesagt oder getan wird - nichts davon ändert etwas daran, dass Branimir tot ist und Hasan lebt", sagt Branka Cukac. Hasan, der Täter. Wenn sie ihn beim Namen nennt, hört es sich an, als ob sie " Hass -an" sagt. Sie weiß, dass er eine schwere Kindheit hatte, immer wieder krank und arbeitslos war. Dass er vor der Tat Drogen genommen und Alkohol getrunken hat und infolge dessen "enthemmt" war, wie es im Urteil heißt. Eine Erklärung ist das nicht, eine Entschuldigung schon gar nicht. Nicht für sie. Für das Gericht jedoch schon. Als "strafmildernd" hat das Landgericht Hamburg den Alkohol- und Drogenkonsum bewertet und den Angeklagten zu sechseinhalb Jahren verurteilt. Wegen "Körperverletzung mit Todesfolge gemäß § 227 StGB". Einen Totschlag gemäß § 212 StGB hat das Gericht mangels Tötungsvorsatz ausgeschlossen. So steht es im Urteil.

Branka und Rudolf Cukac wissen nicht, was all diese Ziffern im Urteil bedeuten. Sie wissen nur, dass der Täter ihren Sohn Branimir mit zwei Faustschlägen niedergeschlagen und dann mindestens viermal mit seinen Schuhen gegen den Kopf getreten hat, als er schon am Boden lag. Weil Branimir ihn angeblich beleidigt hat. "Er soll ihn Hurensohn genannt haben", sagt Branka Cukac. Ihre Stimme ist so leise, dass man sie kaum versteht. Solche Begriffe werden bei ihnen zuhause nicht verwendet. Daher kann sie sich auch nicht vorstellen, dass Branimir so etwas gesagt hat. Aber sie weiß, dass nichts mehr unvorstellbar ist, nichts mehr unmöglich. Weil inzwischen alles passiert ist, was sie sich nie hätte vorstellen können.

Es sind Sachen, die ihre Vorstellungskraft übersteigen - und ihre Kraft. Als die Polizei am Ersten Weihnachtstag morgens an der Tür klingelt und ihr mitteilt, dass Branimir gestorben ist, bricht Branka Cukac zusammen. Bricht die Welt zusammen. Es ist mehr, als sie ertragen kann - und ertragen will. Immer wieder denkt sie daran aufzugeben. Das Leben aufzugeben. In einem anonymen Raum der Rechtsmedizin nimmt die Familie Abschied von Branimir. Von seinem toten Körper. Verletzt. Verwundet. Nackt. Bedeckt mit einem weißen Laken.

Ein Anblick, unvorstellbar.

Es ist, als ob die Zeit in diesem Moment stehen bleibt. Das Unvorstellbare ist noch immer unvorstellbar. Doch es ist nicht mehr unmöglich. Weil es inzwischen passiert ist. Branimir ist gestorben. Und mit ihm Weihnachten.

Im Wohnzimmer der Familie ist es dunkel. Dieses Jahr gibt es keine Lichterkette, keine Kerzen. Kein Weihnachten. Das Datum hat seine Bedeutung verloren. Am 25. Dezember ist für die Familie nicht mehr Weihnachten. Es ist Branimirs Todestag. Sie werden keinen Tannenbaum aufstellen, keine Geschenke auspacken. Sie werden zum Friedhof gehen. So wie jeden Tag. Immer um 12 Uhr holt Rudolf Cukac seine Frau während ihrer Mittagspause von der Arbeit ab und fährt mit ihr die vier Kilometer zum Friedhof in Stellingen. Zehn oder 15 Minuten können sie bleiben, dann muss Branka zurück in die Firma. "Auf dem Friedhof können wir Branimir nah sein", sagt Rudolf Cukac. Auf dem Friedhof und in seinem Zimmer. Zwischen seinen alten Sachen. Dort können sie ihm all die Fragen stellen, die sie sich sonst selbst stellen müssen. Warum er nicht besser auf sich aufgepasst hat? Warum er Hasan an der Theke angerempelt hat und später mit ihm in eine dunkle Ecke auf dem Parkplatz gegangen ist, um den Streit auszutragen? Und warum er so viel getrunken hat, dass er sich nicht wehren konnte?

Eine Antwort kann ihnen niemand geben. Nicht die Polizei, nicht der Täter. Im Prozess haben sie Hasan das erste Mal gesehen und gehört, was er über Branimir und den Abend sagte. "Er machte nichts, er guckte nur böse, mir war klar, dass er jetzt eins aufs Maul kriegt." Es sind Sätze, die sich in die Erinnerung gebrannt haben. Sätze wie: "Gleich schlagen, nur weil der mich beleidigt hat, das war nicht korrekt." Sätze wie: "Der war ja kaum älter als ich, der hat ja auch Eltern."

Fünf Tage sitzen Rudolf und Branka Cukac mit ihrer Tochter Sanja (35) im Gerichtssaal hinter dem Täter. Fünf Tage erleben sie, wie über ihren Sohn geredet wird, ohne dass er selbst noch etwas sagen kann. "Das ist das Letzte, was wir für Branimir tun konnten", sagt Branka Cukac. Die Familie will ihn nicht alleine lassen. Und sie will an ihn erinnern. An ihn, Branimir Cukac. Sohn, Bruder, Onkel, Schwager und Freund. Branimir, der erfolgreiche Jungunternehmer, der den Getränke-Nachtlieferservice "Midnight Alk" betrieben hatte und gerade eine zweite Filiale eröffnete. Der nach der Realschule und einer Lehre das Abi nachgeholt hatte und neben der Arbeit noch Eventmanagement studierte. Der noch so viel vorhatte. "Es geht nicht um ein namenloses Opfer, sondern um meinen Bruder", sagt Branimirs Schwester Sanja am Ende des Prozesses. Dort, wo Branimir der Familie Freude gegeben habe, sei nur noch Leere.

Anja Wiese vom Verein Verwaiste Eltern weiß, wie das ist. Sie leitet eine bundesweit einzigartige Gruppe für Mütter und Väter, deren Kinder durch ein Gewaltverbrechen gestorben sind. Eltern, deren Kinder von einem Sexualtäter entführt und getötet wurden. Eltern, deren Kinder bei einem Überfall ermordet wurden. Eltern, denen nichts geblieben ist außer der Erinnerung. So wie Branka und Rudolf Cukac.

Kurz nach dem Prozess sind sie in den Urlaub gefahren. Mit ihrer Tochter, dem Schwiegersohn und den Enkelkindern. Aber ohne Branimir. Zum ersten Mal, seit die Familie 1980 in ihrer alten Heimat Kroatien ein Ferienhaus gebaut hat, ist Branimir nicht dabei. Ein Foto des letzten gemeinsamen Urlaubs hängt in seinem Zimmer an der Pinnwand. Zur Erinnerung. Daneben, in dem schmalen Regal hinter der Tür, steht eine Flasche Eau de Toilette. CK be von Calvin Klein. Es riecht nach Branimir.