Spaziergang: Mit GAL-Fraktionschef Jens Kerstan an die Bunthäuser Spitze

Bürgersohn, Basisdemokrat, Berufspolitiker

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Jens Meyer-Wellmann

Er ist einer der Architekten des schwarz-grünen Bündnisses. Bei einer Bionade erklärt Kerstan, warum die GAL besser mit der CDU fährt als mit der SPD. Und was das Schlimmste an der Politik ist.

Früher haben die aus der CDU ihn "Kermit" genannt - nach dem hibbeligen Frosch aus "Sesamstraße" und "Muppet-Show". Weil er mit heller, manchmal etwas quäkender Stimme spricht und stets ein breites Lachen vor sich herträgt. In Wahrheit hatten sie aber keinen Spaß daran, wenn Jens Kerstan, damals noch GAL-Parteivize und Wirtschaftspolitiker, in der Bürgerschaft ans Rednerpult ging. Schließlich machte der studierte Volkswirt dem CDU-Senat ständig Ärger, stets faktensicher und rhetorisch gewitzt, trieb er ihn monatelang etwa beim Thema LBK-Verkauf vor sich her.

Heute machen sie sich in der CDU nicht mehr lustig über ihn. Heute ist der 42-Jährige Fraktionschef der GAL - und damit eine zentrale Figur der schwarz-grünen Koalition. Dass er jetzt ihr Freund ist, haben die CDU-Kollegen ihm gezeigt, indem sie ihn im Juni zu ihrer Klausur nach Boltenhagen eingeladen haben. Bis zum Morgengrauen habe man diskutiert und gelacht, freuten sich die CDU-Abgeordneten nachher. Kerstan selbst sieht die neue Politehe nüchtern: "Wir haben eine gute Arbeitsebene gefunden", sagt er. "Das heißt nicht, dass wir jeden Abend zusammen Bier trinken."

Sowieso trinkt Kerstan lieber schottischen Whisky, zu Hause hat er ein Dutzend Malt-Flaschen stehen. An diesem Nachmittag, beim Treffen im Garten des Tideinformationszentrums an der Bunthäuser Spitze, gibt es dagegen politisch korrekte Bionade. Hier, beim Naturschutzbund "Gesellschaft für ökologische Planung", zu dem Kerstan durch seine damalige Freundin kam, hat seine Politikerkarriere ihren Anfang genommen. Obwohl er als einer der Architekten von Schwarz-Grün zu den Modernisierern der GAL zählt - sein Einstieg in die Politik über das ökologische Engagement ist klassisch.

Erst 1998 trat er in die Partei ein - und legte einen rasanten Aufstieg hin. Wenn Kerstan etwas tut, dann ganz, mit offenem Ehrgeiz und voller Kraft. Kaum drei Jahre nach seinem Eintritt versuchte er 2001 bereits, die Führung der Hamburger Grünen zu übernehmen, unterlag gegen Kristin Heyne und wurde ihr Stellvertreter. Seit dem überraschenden Tod Heynes 2002 führte Kerstan die GAL als Stellvertreter der heutigen Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk. Tatsächlich war er selbst faktisch der Parteichef, denn Hajduk war als Bundestagsabgeordnete in Hamburg nur wenig präsent. Aufgewachsen mit zwei älteren Schwestern, hat Kerstan es gelernt, sich gegen starke Frauen durchzusetzen - für einen GALier eine unerlässliche Fähigkeit.

2002 zog er in die Bürgerschaft ein und kümmerte sich fortan um Wirtschaftspolitik - mit Forderungen nach weniger Staat etwa im Hafen wirkte er dabei gelegentlich wie ein FDP-Mann. Mit Hajduk schmiedete Kerstan schließlich das exotische Bündnis mit der CDU - und nahm die grüne Basis durch stundenlange, bisweilen herzzerreißende Diskussionen auf Parteitagen mit. Das unterscheidet einen Grünen wie Kerstan von Leuten wie dem CDU-Chef Michael Freytag, der seinem Parteivolk einfach mitteilt, was gemacht wird. Bei der GAL muss man überzeugen, da kann man nicht dekretieren wie bei der CDU.

Ansonsten ist man sich gar nicht so unähnlich. Kerstans Vita passt prima zu der These, wonach sich in einem schwarz-grünen Bündnis das Bürgertum wiedervereinigt: hier die ordentlichen, hierarchisch denkenden Konservativen und dort die für zwei Generationen nach links ausgebrochenen basisdemokratischen Bürgerkinder, die sich friedens- und umweltbewegt bei den Grünen zusammenfanden. Alle gut ausgebildet und gut betucht - nicht nur im übertragenen Sinne. Der Durchschnittsgrüne lege heute schon zum Brötchenholen die Krawatte an, lästern die hemdsärmeligen Linken, um die angebliche Verspießerung der einstmals Alternativen zu karikieren. Nichts sei einem GALier fremder als ein Hafenarbeiter.

Kerstan würde das vehement bestreiten. Aber auch er steht gut da und muss Armut nicht fürchten. Sein Vater hat die TT-Linie (Travemünde-Trelleborg-Fähren) als geschäftsführender Gesellschafter geführt - nach dessen Tod hat die Familie die Anteile gut verkauft. Er habe keine Lust gehabt, das Geschäft seines Vaters weiterzubetreiben, so Kerstan. Stattdessen arbeitete er nach dem Studium als Projektleiter beim Zigarettenmaschinenhersteller Hauni. Heute nicht mehr.

Fast provokant klingt die Antwort auf die Frage, was er denn nun also von Beruf sei. "Ich bin Berufspolitiker", sagt Kerstan, nimmt den letzten Schluck Kräuter-Bionade, schiebt sich die coole Sonnenbrille auf die Nase und bläst zum Marsch durch die saftgrünen Wiesen gen Bunthäuser Spitze. "Ich weiß, dass Politiker nicht beliebt sind. Neulich hat eine Taxifahrerin sich geweigert, weiter mit mir zu reden, als sie erfahren hat, dass ich Politiker bin. Ich war schon froh, dass sie mich nicht rausgeworfen hat." Andererseits: "Es ist doch gut, wenn Politik von Profis und Fachleuten gemacht wird."

Sowieso ist Kerstan einer, der es nicht darauf anlegt, bei aller Welt beliebt zu sein. Was er sagt, ist meist deutlich, eher erhellend als verschleiernd - selbst wenn er dabei gelegentlich den ein oder anderen vors Schienbein tritt. "Letztendlich ist die schwule Szene in St. Georg für die Zukunft der Stadt wichtiger als die Versammlung eines ehrbaren Kaufmanns", sagte er etwa bei der Vorstellung des grünen Konzepts "Kreative Stadt". Kerstan war es auch, der als Erster einräumte, wie schlecht es um den Haushalt bestellt ist, und der neue Schulden nicht mehr ausschließen wollte. Deutlich ist er auch beim Streit um das Kohlekraftwerk Moorburg. "Vattenfall ist bisher knallhart geblieben und hat nicht einen Schritt auf die Stadt zugemacht. Also bleiben auch wir hart." Er redet nicht wie einer, der eine Diplomatenschule absolviert hat - eher wie jemand, der es zumindest persönlich nicht nötig hat zu taktieren. Als Parteimann tut er es natürlich trotzdem. Etwa als er schwarz-grüne Spekulationen vor der Wahl als "doofes Gequatsche" abtat, weil die GAL durch die Avancen des CDU-Bürgermeisters bei jeder Umfrage weiter absackte. Oder als er nach der Wahl ein rot-rot-grünes Bündnis nicht ausschließen wollte - um Druck auf die CDU auszuüben. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden. "In den Koalitionsverhandlungen haben wir etwa bei der Anmeldung des Wattenmeers als Weltnaturerbe eine komplette Kehrtwende erreicht", betont er. "In anderen Punkten, wie der Schulpolitik, hat sich die CDU deutlich auf uns zubewegt." Das sei ein großer Unterschied zur SPD: Mit der CDU könne man der Wirtschaft mehr abverlangen, weil sie nicht im Verdacht stehe, wirtschaftsfeindlich zu sein. Die CDU erlaube der GAL auch, mehr Profil zu zeigen. Bei Rot-Grün hätten die Grünen an "Identifizierbarkeit" eingebüßt, hatte er nach der Wahlniederlage 2001 kritisiert. Dass die GAL nun wieder mitregiert und dabei bisher noch identifizierbar bleibt, ist auch sein Verdienst.

Nur einen gravierenden Nachteil habe die Politik, so Kerstan, der mittlerweile wieder Single ist: Sie macht dick. Schließlich absolviert man all die Senatsvorbesprechungen und Haushaltsberatungen nicht in Wandelhallen wie die alten Griechen, sondern im Sitzen. Dagegen hilft nur eins: "Joggen", sagt der Fraktionschef und erklimmt energisch den historischen Holzleuchtturm an der Bunthäuser Spitze, von dem man an diesem Nachmittag kilometerweit elbaufwärts sehen kann. "Ich bin ein Verbrennungstyp. Wenig essen, hilft bei mir nicht. Ich muss mich bewegen."

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