Sommergespräch: Ein Rundgang mit Michael Neumann durch seinen Wahlkreis Horn

Politisches Schwergewicht auf Diät

Der SPD-Fraktionschef über schwarz-grüne Haushaltslöcher, das eigene Fitnessprogramm und eine Kanzlerkandidatur von Frank-Walter Steinmeier.

Er ist Panzerfahrer und Katholik, kommt aus dem Ruhrpott, aber trinkt kein Bier (und auch sonst nichts Alkoholisches), er gilt als innenpolitischer Hardliner, aber zwei Brüder seiner deutsch-türkischen Frau betreiben eine islamistische Internetseite. SPD-Fraktionschef Michael Neumann vereint viele Gegensätze - wie eine gespaltene Persönlichkeit aber wirkt er nicht. Im Gegenteil: Beim Gang durch seinen Wahlkreis Horn an diesem sonnigen Dienstag tut er alles, um sich als geradlinigen Politiker zu zeigen, der weiß, was Hans und Murat in Horn so bewegt.

Immer wieder begrüßt der 38-Jährige alte Bekannte und traktiert sie mit dem gefürchteten eisernen Druck seiner von Sommersprossen übersäten Hand. Dass er hier und da mal mit "Herr Naumann" angeredet wird, weil man ihn mit dem längst wieder abgetauchten Spitzenkandidaten der letzten Wahl verwechselt, scheint ihn nicht zu stören.

Er nimmt zwischen den knallgrünen Wiesen der Horner Geest Beschwerden über fehlende Parkbänke und den Krach aus dem Jugendzentrum entgegen - und ruft dem vorbeiradelnden bürgernahen Beamten ein kerniges "Moin" entgegen. "Das ist Volker", erklärt Neumann. "Volker mit V." Soll heißen: Hier kenn ich mich aus, dies sind meine Leute, das ist mein Kiez.

Schon in den 90ern hat der gebürtige Dortmunder in Horn das neue Jugendzentrum aufgebaut - und erst mal "Sozialpädagogen entlassen und dafür Sportlehrer eingestellt", wie er berichtet. "Man muss die Jungs langmachen, damit die keinen Scheiß bauen", so Neumann. Als Reserveoffizier verstehe man etwas von "Menschenführung".

Etwas kleinlaut gibt er zu, dass er selbst 2002 aus Horn weggezogen ist und heute in Rahlstedt wohnt. Er habe für sich, seine Frau (die ehemalige SPD-Abgeordnete Aydan Özoguz) und die heute fünfjährige Tochter Hanna hier keine passende Wohnung gefunden, sagt er, bleibt stehen und wischt sich vor einem schmuddeligen Flachbau den Schweiß von der Stirn. An den staubigen Scheiben hängt ein vergilbtes Plakat, auf dem für eine Jim-Knopf-Vorführung des Jahres 2004 geworben wird. Vor der Tür sprießt halbmeterhohes Unkraut aus den Gehwegfugen.

"Das war einmal das Horner Gymnasium", sagt Neumann. "Der CDU-Senat hat es geschlossen." Jetzt wolle die CDU hier familienfreundliche Wohnungen bauen. "Aber welche Familie zieht in einen Stadtteil, in dem die Schulen geschlossen werden?"

Vier Jahre ist der passionierte Skifahrer jetzt Chef der SPD-Fraktion. Um ein Haar wäre er nach dem Chaos 2007 Bürgermeisterkandidat geworden. Dann aber legten zwei der sieben Kreischefs ihr Veto ein - und "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann zog für die gebeutelten Genossen in den Wahlkampf gegen Strahlemann Beust. Politik sei ein Marathon, wer etwas ändern (oder etwas werden) wolle, brauche einen langen Atem, hat Nichtraucher Neumann schon als junger innenpolitischer Sprecher der SPD betont, als er es noch mit Schill und Co. aufzunehmen hatte. Damals war der Mann, den viele für das größte politische Talent der Hamburger SPD halten, noch Anfang 30. Bei der nächsten Bürgerschaftswahl wird er fast 42 sein. Wenn er dann wieder nicht zum Zug kommt (wenigstens als Senator), droht ihm das bittere Schicksal, als ewiges Talent in die Genossen-Annalen einzugehen. Vor gut einem Jahr, als die Hamburger SPD am Boden lag, hieß es, Neumann sei politikmüde. Jetzt aber hat er sich offensichtlich neu motiviert. Um die verjüngte SPD-Fraktion zu einem Team zu formen, ist er mit den Abgeordneten nicht nur durch die Heide gewandert, sondern hat auch eine Art Genossen-Survival im Harz absolviert. Wenn man sich bei so einer Bergwanderung aufeinander verlassen müsse, komme man sich auch menschlich näher, sagt Neumann. Von den Querelen um den Stimmzettelklau 2007, durch den Ex-Parteichef Mathias Petersen um die Spitzenkandidatur gebracht wurde, will Neumann nichts mehr wissen. Das sei Sache der Partei. Er sei froh, dass er die Fraktion aus dem Gröbsten habe heraushalten können. Die SPD habe mit der deutlichen Wiederwahl Ingo Egloffs gezeigt, dass sie geschlossen sei.

Und wie steht es um die Bundes-SPD? "Da gibt es einen klaren Fahrplan", sagt Neumann, während er sich in der klimatisierten Bäckerei im Einkaufszentrum Manshardtstraße einen Pfefferminztee bestellt. "Ich gehe davon aus, dass Frank-Walter Steinmeier für uns kandidiert." Parteichef Kurt Beck dagegen habe es schwer mit dieser Doppelbelastung als Ministerpräsident in Mainz und Parteichef in Berlin. Das koste ja viel Kraft.

Lieber als über Beck spricht Neumann über von Beust. Dessen Gerede von einem ausgeglichenen Haushalt vor der Wahl habe sich als "Lug und Trug" erwiesen, sagt er. Finanzsenator und CDU-Chef Michael Freytag, der "wie der alternde Prinz Charles seit Jahren darauf wartet, endlich die Macht zu übernehmen", wolle trotz boomender Steuereinnahmen die Grundsteuer erhöhen - und damit alle Mieter die Zeche zahlen lassen. "Gut fünf Milliarden Mehrausgaben" müsse der Senat decken. "Da freue ich mich auf die Haushaltsberatungen."

Seine Abneigung gegen die Linke hat Neumann, ganz der Beck-Linie entsprechend, nach der Wahl ziemlich rasch abgelegt. Zwar stehe die SPD zu ihrem Wort, dass man in dieser Wahlperiode nicht mit den Linken zusammenarbeite - "auch nicht im Falle eines Bruchs der schwarz-grünen Koalition". Trotzdem war Neumann kürzlich mit Linke-Fraktionschefin Dora Heyenn beim Italiener Pizza und Pasta essen - und nicht etwa im Hinterzimmer, sondern "im Schaufenster", wie er betont. Seinen Diätplan hat das offenbar nicht durcheinandergebracht. Seit Mitte März hat der Spitzengenosse um zehn auf jetzt 87 Kilo abgenommen - vor allem durch Joggen und Wandern. Zuletzt hat er in Holland am Viertagesmarsch teilgenommen, bei dem er an vier Tagen in Folge je 50 Kilometer marschieren musste - was seine Gegner lästern ließ, Neumann flüchte sich angesichts des SPD-Niedergangs in den Masochismus. Die Wahrheit dürfte eine andere sein: Wer 2012 als Bürgermeisterkandidat gegen Sonnyboy Beust antreten will, darf keine Plauze vor sich herschieben, sondern muss in jeder Hinsicht eine gute Figur machen. Aber will er denn kandidieren? "Nur Idioten philosophieren öffentlich über ihre politische Zukunft", sagt Neumann, grinst, zerquetscht zum Abschied noch ein paar Hände - und verschwindet zwischen Croqueladen, Kneipe und Kiosk in den Tiefen des Horner Einkaufszentrums.