Beinahe-Katastrophe: Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, Flughafen weist Kritik zurück

"Unter Piloten gilt der Flughafen Hamburg als nicht unproblematisch"

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Günter Stiller

"Das kann nicht gut gehen - der muss durchstarten!", rief Lufthansa-Flugkapitän a. D. Dieter Rossberg spontan seiner Frau zu, als er auf der TV-Mattscheibe den Lufthansa-Airbus "Suhl" der Runway 23 des Flughafens Fuhlsbüttel entgegentaumeln und unmittelbar vor dem Aufsetzen von einer 100-km/h-Böe nach links geschleudert sah. Rossberg, der während seiner langen Pilotenlaufbahn mit 27 000 Flugstunden Hunderte Male in Hamburg gelandet war, hatte recht: Mit einem Durchstartmanöver in letzter Sekunde bewahrte die Lufthansa-Crew die 137 Insassen des Jets vor einem wahrscheinlich tödlichen "Crash".

Auf die Kardinalfrage, warum Kapitän Oliver A. (39) zuerst statt der von starkem Seitenwind bedrohten Landebahn 23 (Richtung 230 Grad) nicht die weitaus günstigere Landebahn 33 (333 Grad) wählte, wo ihm ein fast idealer Wind entgegengekommen wäre, gibt es leider immer noch keine eindeutige Antwort.

"Der Flughafen Hamburg ist mir sehr vertraut. Unter Piloten gilt er als nicht unproblematisch", sagt Rossberg, der mit DC-3, Convair 340/440, Boeing 737, Boeing 707 und Boeing 747 ("Jumbo") die meisten Lufthansa-Standardtypen flog. "Aber fast jeder Pilot tendierte im Zweifelsfalle stets zu Landebahn 23, obwohl sie häufiger mit Querwinden (crosswinds) zu tun hatte. Warum? Mit ihrem Instrumentenlandesystem (ILS) bietet die '23' die sicherste Flugführung, aber auch die geringste Lärmbelästigung für Anwohner!"

Warum ist die Landebahn 33, auf der der Airbus A320 nach seinem lebensgefährlichen Sturm-Anflug beim zweiten Versuch problemlos aufsetzen sollte, nicht mit demselben automatischen Landesystem ausgerüstet? Wollte man Geld sparen?

"Das glaube ich nicht", sagt Rossberg. "Die Landebahn 33 hat große Nachteile: Die Flugzeuge müssen quer über die Stadt anfliegen - große Lärmprobleme! Und ein ILS für die Landebahn 33 ist schwierig zu bauen: hohe Türme und Schornsteine, vor allem der berüchtigte 'Flugzeugfänger', der 278 Meter hohe Fernsehturm, würde die Präzision der ILS-Messungen verschlechtern."

Auch andere Piloten weisen darauf hin, dass auf dem kritischen Runway 23 durch nahe stehende Bauten Verwirbelungsprobleme entstehen, die die Crew kurz vor dem Aufsetzen zu schnellen Ruderkorrekturen zwingen können.

Flugkapitän a. D. Rossberg erinnert an einen Beinahe-Crash auf der kritischen "23": Dort wurde vor Jahren ein Düsenriese Boeing 707 ebenfalls durch eine starke Böe nach links gekippt, wobei die linke Tragfläche die Runway schrammte und erheblich beschädigt wurde.

Immerhin bietet Fuhlsbüttel den Crews zwei "Notausgänge": Bei starkem Wind können sie vom Tower im Endanflug einen "switch", einen Runway-Wechsel, erbitten: Ein leichter Querruderausschlag würde sie vom ursprünglichen Landekurs 230 Grad auf 333 Grad und damit auf Landebahn 33 bringen.

Der Tower könnte aber auch mit einem "radarassisted approach" helfen, einem radarunterstützten Anflug auf Landebahn 33, was die Lotsen, so Piloten, "aber nicht so gern tun".

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