Prozess: Wie 1,5 Millionen Euro auf dem Konto einer verdächtigen Firma in Prag landeten

Vorwurf: Osmanis im Schmiergeld-Sumpf

Staatsanwaltschaft deckt brisante Verbindungen auf. BND-Bericht rückt das Unternehmen in der tschechischen Hauptstadt in die Nähe des Rauschgifthandels.

Die "Krizku"-Straße in Prag, gut zehn Minuten von der City der tschechischen Hauptstadt entfernt, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Gebaut vor gut 100 Jahren in der Nähe des Güterbahnhofs sind die fünfgeschossigen Häuser heute grau geworden. Viele Kleinfirmen residieren jetzt dort, ehemals bürgerliche Wohnungen sind zu Büros geworden. Etwa die Hausnummer 5. Dort residierte die Firma Europlan. Geschäftszweck laut Prager Handelsregisternr. 25142755 der Erwerb und Verkauf von Schmuck und Edelsteinen. Seit einem Jahr ist das Firmenschild abgeschraubt, die Firma gelöscht.

Für diese Firma haben sich jahrelang Agenten von Geheimdiensten aus Europa und den USA interessiert. Der Verdacht: Europlan ist ein wichtiges Stück im Puzzle des europäischen Rauschgifthandels. Die Inhaber: unter anderem ein gewisser Kole Jakupi, Albaner wie ein anderer Mitbesitzer: Quazim Osmani (47). In Hamburg besser bekannt als Felix Osmani, ältester der Brüder des gleichnamigen Familien-Clans, der seit Jahren in der Hansestadt Schlagzeilen macht. Mitglieder der Familie rückt ein geheimer Bericht des Bundesnachrichtendienstes im Jahr 2003 in die Nähe von Rauschgifthandel, Prostitution und organisierte Kriminalität.

Bruder Burim (44) wurde gerade in Würzburg wegen Beihilfe zum Betrug zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Gegen das Urteil haben seine Anwälte Revision angekündigt. Zusammen mit seinem Bruder Bashkim (42) steht er ab morgen wieder vor Gericht. Diesmal geht es unter anderem um Anstiftung und Beihilfe zur Untreue. Burim und Bashkim Osmani sollen mit Helfern die kleine Volksbank Lauenburg über Strohmannkredite um Millionen geprellt und an den Rand des Ruins gebracht haben.

Und was hat die kleine Volksbank im Elbstädtchen Lauenburg mit den Geheimdiensten dieser Welt zu tun?

1,5 Millionen Euro flossen, so die Anklageschrift der Hamburger Staatsanwaltschaft, von Lauenburg über Anderkonten eines Notars illegal auf das Konto der Prager Firma von Felix Osmani - und zwar in zwei Tranchen am 27. und 28. Februar 2003. Das war auch etwa der Zeitpunkt, als die Geheimen vom BND ihren Bericht über vermutete Aktivitäten der Osmanis tippten ("BND-Analyse vom 21.08.2003 - VS-vertraulich, amtlich geheim gehalten").

Da hatte sich laut BND-Bericht die sogenannte "AG Diesel" schon an die Fersen von Kole Jakupi geheftet. Der Geschäftspartner von Felix Osmani war ins Visier einer deutsch-tschechisch-norwegischen Polizeioperation geraten. Ihr Verdacht: Kuriere aus Deutschland transportieren Heroin aus Tschechien nach Italien und Skandinavien. "Diesel" hieß die Geheimoperation, weil das Rauschgift angeblich mit gestohlenen Dieselautos der Marke BMW geschmuggelt wurde, wie es in dem BND-Bericht heißt.

Es gab zahlreiche Verhaftungen; für eine Festnahme von Kole Jakupi reichten die Beweise nicht aus. Hinweise gab es auch auf Quazim Felix Osmani, Beweise nicht. Immerhin bezeichnet der BND-Bericht Kole Jakupi als "Schlüsselfigur der internationalen Verflechtung des Osmani-Clans". Felix Osmani hat wie seine Brüder Burim und Bashkim die Verdachtsvorwürfe des BND wiederholt als falsch und gegenstandslos zurückgewiesen.

Sicher ist offenbar nur eins: Die 1,5 Millionen, die die Firma von Jakupi und Osmani per Überweisung von Bruder Bashkim erhielt, sind weg.

Der Prozess am Dienstag stützt sich deswegen auch weniger auf Zeugen als auf Geschäftsunterlagen der Firmen von Bashkim und Burim Osmani, auf Akten der Volksbank Lauenburg und Geständnisse von Strohmännern der Osmani-Kredite. Die Geschäftsplanung war immer gleich: Weil die Osmani-Brüder ihren Kreditrahmen längst ausgeschöpft hatten, mussten die Strohmänner wie Hausmeister, kleine Handwerker oder Kellner für Burin und Bashkim unterschreiben.

Die Millionen flossen, so die Anklageschrift, in dubiose Immobilienprojekte auf dem Balkan oder in eigene Firmen und die eigene Tasche. Die Anklageschrift, die dem Abendblatt vorliegt, zeigt aber auch, wieweit sich der Osmani-Clan seit seinem Aufstieg aus dem Rotlichtmilieu in die Hamburger Gesellschaft eingenistet hat. Ein Beispiel: Um Carsten Heitmann, den Chef der Volksbank Lauenburg, bei Laune zu halten, ließ Burim Osmani dem 64-Jährigen und seiner Gattin Traude zwei Edelkarossen vom Typ Mercedes zukommen. Ein Coupe für die Dame Heitmann besorgte Burim über den ihm offenbar bestens bekannten Ex-Geschäftsführer eines privaten Hamburger Radiosenders, Stefan S. Den lies er nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" das Gefährt von Daimler-Benz mit Presse-Rabatt ordern - was üblicherweise zwischen zehn und 15 Prozent ausmacht. So kostete das Gefährt "nur" 58 500 Euro.

Das Auto steht heute noch auf dem Hof der Familie Heitmann in Lauenburg. Den zweiten Mercedes ließ Burim Osmani, mutmaßen die Fahnder, offenbar 2006 wieder abholen. Die Sache war ihm wohl zu heiß geworden. Staatsanwaltschaft und Kripo ermittelten bereits, die Volksbank und ihre faulen Kredite für die Osmanis standen schon in den Schlagzeilen . . .

Ein Großaufgebot von Zeugen,könnte auch erhellen, wie sich die Osmanis mit ergaunerten Krediten Immobilie um Immobilie in Hamburg und auf dem Balkan, in Hannover (Bau eines Lebensmitteldiscounters) oder Harburg (Betrieb eines Bordells) einverleibt. Hunderttausende von Euros flossen zweckentfremdet nicht in Gewerbeimmobilie, sondern ins internationale Fußballgeschäft, indem sich etwa Bashkim Osmani tummelte. Einer seiner Geschäftspartner war zum Beispiel ein albanischer Spielervermittler in Berlin, mit dem Bashkim im mazedonischen Skopje ein Apartmentblock bauen wollte. Dreihunderttausend Euro überwies dieser im Jahr 2005 statt nach Skopje an den SV Wüstenrot Salzburg. Der Klub spielte in der 1. Österreichischen Fußballliga und heißt heute Redbull Salzburg.

Der Verdacht der Staatsanwaltschaft: Ein Großteil der Kredite lief über Strohmänner, etwa Hausmeister oder Kellner. Bei einem Bruttogehalt von 1200 (Kellner) oder 640 Euro (Hausmeister) erhielten diese Leute ebenso Millionenkredite wie ausgemusterte Fußballprofis vom Balkan, die über gar kein Einkommen verfügten.

Helfershelfer der Osmanis waren der ehemalige Bankchef Carsten Heitmann, der Ex-Anwalt Hauke Hillmer (ein enger Freund Bashkim und ehemaliger SPD-Stadtrat in Geesthacht) und der Hamburger Kaufmann Sven Pieper.

Der Bankchef wurde laut Anklageschrift von den Osmanis mit "Kick-Back-Geschäften" geschmiert. Er und seine Frau erhielten Autos und Hunderttausende, die auf ähnlich verschlungenen Wegen aus der Bank gepumpt wurden.

Eine zentrale Rolle spielt bei den Krediten auch immer wieder die sogenannte "Quelle" in Italien, für das Mineralwasser der MarkeCoralba. Offenbar ein Fass ohne Boden, Millionen der Volksbank Lauenburg versickerten dort. Viele Mythen ranken sich um das Wasser, über das in Hamburg schon vor Jahren Wirte im Rotlichtmilieu als "Mafia-Brause" flüsterten. Lange hielten sich Gerüchte, wonach man mit dem Bezug des Wassers einen besonderen Schutz genieße. Beweise gab es dafür nie. Die Marke Coralba fand Verbreitung in Hamburg, nicht nur in der Rotlichtszene, sondern auch in angesehenen Restaurants. In der 267-seitigen Anklage führt die Staatsanwaltschaft rund 110 Zeugen, 626 Urkunden, 210 "Augenscheinsobjekte", wie Protokolle von Telefonüberwachungen, auf. Der Prozess vor dem Landgericht ist auf 17 Verhandlungstage terminiert.