Eppendorf: Räumungsklage gegen Wohnprojekt aus den 70er-Jahren

Hamburgs legendärste WG wieder vor Gericht

Etwa drei Dutzend Verfahren hat es bereits gegeben. Hausgemeinschaft zahlt 3,90 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter.

Als sie hier in den 70er-Jahren einzogen, waren sie Studenten, kämpften gegen Hausabrisse und Spekulanten. Heute gilt die Hausgemeinschaft Haynstraße/Ecke Hegestraße als ältestes und wohl streitbarstes Wohnprojekt Deutschlands - mit einer Traumkaltmiete von 3,90 Euro pro Quadratmeter mitten im feinsten Eppendorf. Seit den 70er-Jahren versuchen wechselnde Eigentümer daher, die etwa 50 Mieter aus dem 1912 gebauten Haus herauszuklagen. Heute müssen sie sich vor dem Amtsgericht gegen eine neue Räumungsklage wehren. Insgesamt hat es bisher etwa drei Dutzend Verfahren gegeben, immer siegten bisher die streitbaren Studenten, die inzwischen längst als Anwälte, Lehrer oder auch Manager arbeiten.

"Doch diesmal geht's wieder einmal ums Ganze", sagt Bernd Vetter (59), Rechtsanwalt und einer der Ersten, die 1970 dort hingezogen waren. Damals war er junger Jurastudent. Die großbürgerlichen Wohnungen wurden seinerzeit bewusst an Studenten-WGs vergeben, mit befristeten Verträgen von wenigen Wochen. Eine Immobilienfirma hatte den Komplex gekauft, er sollte für einen Neubau abgerissen werden, wie so viele Altbauten in dieser Zeit. Vielerorts kam es zu Hausbesetzungen. Und auch die studentischen Mieter der Haynstraße wurden aktiv, verteilten Flugblätter, nervten Bezirkspolitiker - mit Erfolg. Die Abrissgenehmigung wurde zurückgezogen, und die Immobilienfirma verkaufte das Objekt an ein anderes Unternehmen. 1975 handelte Vetter einen Mietvertrag aus, der heute vor Gericht Knackpunkt sein wird: Der Komplex ist demnach nicht an einzelne Mieter vermietet, sondern an die Mietergemeinschaft. Und die darf selbst festlegen, wer wo wohnt. Befristet war dieser Vertrag allerdings bis 1990 - der neue Hauseigentümer wandelte die Mietwohnungen also in den Folgejahren in Eigentumswohnungen um und verkaufte sie mit der Aussicht auf ein Ende dieser Frist. Pech für die Neueigentümer: Durch eine neue juristische Klausel galt der Vertrag nach 1990 dann doch als unbefristet. Zudem lässt er nur sehr geringe Mieterhöhungen zu. In dem Haus wird daher heute nur knapp ein Drittel der ortsüblichen Miete gezahlt - was sie nicht gerade rentabel macht. Entnervt gaben einige Eigentümer auf und verkauften an die Mietergemeinschaft. Heute gehören 14 der 24 Wohnungen zur Gemeinschaft, wie Vetter sagt. Vollversammlungen, Konzeptgruppen - solche linken Selbstverwaltungsideen existieren hier noch immer. Kinder wurden geboren und zogen zum Studieren wieder aus. Das Haus ist wie ein Dorf, sagt Vetter.

Doch die anderen zehn Eigentümer blieben hart, wollen ihre Wohnungen nicht verkaufen. "Die können seit Jahren nicht über ihr Eigentum verfügen, nicht mal dort wohnen", sagt ihre Anwältin Claudia Leyba. Heute vor dem Amtsgericht wird es um fünf Räumungsklagen aus Eigenbedarf gehen. "Das sind vorgeschobene Gründe", so Anwalt Vetter. Doch sollten die Klagen Erfolg haben, wäre der gesamte alte Mietvertrag hinfällig - und das Wohnprojekt am Ende.