Konkurrenz: Web-Designer Sven Dietrich vergleicht die beiden Städte seit 2004 im Internet

Wie ein Berliner zum Hamburger wurde

Begonnen hat der 31-Jährige das Städte-Match, als er vor drei Jahren aus der Hauptstadt nach Hamburg zog. Sein Fazit: "Hamburg ist besser zum Arbeiten, Berlin besser zum Feiern."

Es ist ein ewiger Konkurrenzkampf: Berlin hat mehr Arbeitslose, sagen die Hamburger. Hamburg mehr Einbrecher, meinen die Berliner. Berlin ist arm, aber sexy, sagt Klaus Wowereit. Hamburg wächst viel doller, freut sich Ole von Beust. Doch die vermeintlich wichtigen Sachen vergessen beide Bürgermeister: Wo liegen mehr Hundehaufen auf den Bürgersteigen, wer hat die freundlicheren Fahrkartenkontrolleure, und wie sieht's aus im Currywurst-Ranking?

Das weiß alles Sven Dietrich (31). Oder anders: Das ermittelt Sven Dietrich. Jede Woche präsentiert er neue Fakten und kleine Artikel in seinem Internet-Blog "Hamburg vs. Berlin" (www.pop64.de) und vergibt Punkte. Mal führt Hamburg, dann wieder Berlin. Je nach Lebenslage vergleicht der Ex-Berliner und Neu-Hamburger das Singleleben oder auch das Möbelangebot bei Ikea. Beißt sich durch ungezählte Döner und Currywürste. Ruft schon einmal bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt an, um die Schwerkraft zu vergleichen (Berlin ist leichter). Oder er berechnet eben die Hundekotmengen (Hamburg hat weniger) - die vermeintlich wichtigen Sachen eben. Und die vergleicht er nun schon seit 2004. Begonnen hat sein Städte-Match mit Augenzwinkern, als er vor drei Jahren von Berlin nach Hamburg umzog. Zwangsläufig. "Der Berliner will ja nicht weg aus Berlin", sagt Dietrich. Und wie viele typische Berliner ist er Überzeugungsberliner mit Migrationshintergrund. In Hessen bei Gießen ist Dietrich aufgewachsen und dann als "Zivi" in die Hauptstadt gekommen. Dort hat er Mediendesgin studiert und war fertig, als 2002 die Internet-Blase platzte. Das gestaltete die Jobsuche für den Webdesigner etwas schwierig, und er musste das machen, was viele Berliner machen: arbeitslos sein. Auf Drängen von Familie und Freunden bewarb er sich irgendwann auch einmal in Hamburg - und bekam auf Anhieb einen Job. Punkt für Hamburg. Und weil die Berliner Freunde immer wieder wissen wollten, ob es ein zivilisiertes Leben außerhalb Berlins überhaupt geben kann, richtete er seine Internetseite ein. Und schon gleich die ersten Tage in der Diaspora erlebte er Absonderliches. Aus Sicht eines Berliners jedenfalls. Zum Beispiel den Dönerladen mit teurem Flachbildschirm in Eppendorf. "Unfassbar sauber - so einen Dönerladen gibt's in ganz Berlin nicht", meint Dietrich. Wieder Punktsieg für Hamburg. Geschmacklich aber - da kommen die hanseatischen Döner nicht mit, fand er später heraus. Punktsieg für Berlin.

Später entdeckte Dietrich die Alster und staunte über Joggerinnen, die geschminkt und morgens um sechs drum herumlaufen. "Geschminkt joggen - so was gibt' s nicht in Berlin." Intensiv ist auch seine Recherche in Sachen Hinweisschilder. "Radfahrer bitte absteigen" - solche Aufforderungungen müsste man Berlinern "schon an die Stirn tackern, damit sie befolgt werden", meint Dietrich. Der Hanseat würde dagegen schon hundert Meter vorher das Schild wahrnehmen und vorausschauend einen anderen Weg suchen. Und Hamburg ist viel sauberer, aber auch viel teurer, hat er festgestellt. Bei den Mieten gewinnt daher Berlin. Wie auch beim Vergleich des Titels "Talentstadt", den beide Stadtregierungen für sich reklamieren. "Talent-Geblubber", nennt Dietrich das. Denn solange Kreative in Hamburg wegen der teuren Wohnungen an den "Rand gedrängt werden, wird das nix mit der Talentstadt", meint er.

Auch beim öffentlichen Nahverkehr schneidet Hamburg nicht gut ab. "Das HVV-Tarifsystem habe ich bis heute nicht verstanden." In Sachen Behörden gewinnt Hamburg. "Lichtjahre freundlicher", so Dietrich. Doch in der Rubrik "Nachtleben, Klubs und Konzerte" stürzt die Stadt im Vergleich mit Berlin wieder ab. 10 zu 10 000, lautet da das Urteil. Seine Quintessenz nach drei Jahren Hamburg-Berlin-Vergleich: "Hamburg ist besser zum Arbeiten, Berlin besser zum Feiern." Und der Currywurstfaktor? Da ist Sven Dietrich mittlerweile versöhnlich: "Das ist jetzt unentschieden", sagt er.

In Sachen Behörden gewinnt Hamburg gegen Berlin.

"Lichtjahre freundlicher", sagt Sven Dietrich.