Der Türsteher: "Die Leute haben Angst"

Hamburg. Abends um 21 Uhr ist die Welt auf dem Kiez noch in Ordnung − fast friedlich. Seit einer Stunde frieren sich die leichten Mädchen die Beine in den Bauch. Lauern unter riesigen Regenschirmen auf Freier. Auf dem Hans-Albers- Platz pöbeln Betrunkene eine Flaschensammlerin an, urinieren an Häuserwände. Ein paar Meter weiter zur Davidstraße entsorgt ein gebeugter Mann Müll.

Fragen mag er nicht: "Wer hier arbeitet, der hört, sieht nichts". Die Tankstelle Taubenstraße, als "Kiez-Zapfhahn" längst berühmt: In ein paar Stunden wird hier vor allem hochprozentiger Sprit über die Ladentheke gehen, bevor die Massen in den Diskotheken, Kneipen und Laufhäusern verschwinden. Wo letzte Woche noch zwei Schüler niedergestochen, lebensgefährlich verletzt wurden, scharen sich Dutzende Neugierige um die hochhackige Kulttranse Olivia Jones. Die brave Kieztour endet am Tatort mit Schaudern und einer Flasche Bier.

Um es vorwegzunehmen, es wird eine ruhige Nacht. Novemberkälte und Nieselregen locken nur ein Drittel der sonst über einhunderttausend Kiezbesucher. Doch trotz des Großeinsatzes der Polizei ist Unsicherheit spürbar: "Ich bin hier nicht gern", sagt der 22-jährige Andre K. aus Lurup ungeduldig, "will zur S-Bahn." Seit er vor ein paar Monaten in einer Rockkneipe von Jugendlichen verprügelt wurde, geht er lieber ins Kino als auf den Kiez. Seine Freundin am Arm, verschwindet der Dombesucher − die Kapuze über dem Kopf.

Ist der Kiez gefährlicher geworden? "Wir haben viel in der Zeitung gelesen. Aber wir passen auf uns auf", sagen drei junge Frauen selbstbewusst und wollen doch bestimmte Straßen meiden. "In den Hamburger Berg gehen wir nicht", sagt die 34-jährige Sibylle Scheel. "Zu viel Drogen, zu viele Besoffene." Ihr Ziel ist die Große Freiheit 36. "Wenn jemand Stress macht, dann junge Männer, nicht einmal 18 Jahre alt, meist völlig betrunken und ohne Respekt", sagt Katja Süßmilch (24). Ihre Lösung: "Sich nicht reizen zu lassen." Die "Freiheit": Ein Lichtermeer aus Leuchtreklame. Angesagte Klubs neben Stripbars. Ganz am Ende wacht die Polizei im Mannschaftswagen. "Vor fünf, sechs Jahren war alles viel schlimmer." Der das sagt, ist erst 22 Jahre alt. Aber er kennt das Leben auf dem Kiez, ist hier aufgewachsen. "Heute habe ich kein Messer dabei", sagt er mit Blick auf eine Gruppe grölender Fußballfans, Restposten einer Zweitliga-Partie. Schützen muss er sich eigentlich nicht, jeder kennt ihn hier, würde helfen. "Die Leute sind nicht grundsätzlich aggressiv", erklärt er, schließlich kenne er Leute wie den SBahn- Schubser. "Die haben Probleme, und irgendwann bricht es aus ihnen heraus." Kiezgewalt im Affekt. Wofür er sein Messer braucht? Schweigen. Die Freundin, Flaschen mit Korn und Cola in den Händen, drängt zum Aufbruch.

Kurz nach Mitternacht am Vegas World, einer der großen Spielotheken. Angst kennt Cagdas Bozkurt nicht. Wer den ehemaligen Kickboxer zuschlagen sieht, hat Respekt. "Viele Jugendliche versuchen am Wochenende auszubrechen." Aus den strengen Regeln ihrer Familien, sich vom gesellschaftlichen Druck befreien. "Das Leben ist härter geworden, das merkt man vor allem hier." Vorbild, um sein Leben in den Griff zu bekommen, sei oft nur das Fernsehen: Gewalt, Sex und Geld. Dazu kommt: "Früher sind wir gekommen, um zu trinken, heute kommen die meisten schon betrunken an." Wer auf dem Kiez vermitteln will, muss Sprachen können: "Lucky" vom Passion kann sieben. Vermitteln muss er immer öfter. "Es gibt mehr Streits, die Leute sind unfreundlicher", sagt der Geschäftsführer des Passion, begrüßt Stammgäste. 50 Messer haben seine Leute am Eingang allein Freitagnacht eingesammelt, dazu Pfefferspray und Schlagringe. Waffen auch für die Selbstverteidigung: "Die Leute haben Angst." Gewalt gab es hier schon immer, doch die Presse übertreibe mit Horrornachrichten. Der Alkoholkonsum ist auch für ihn größtes Problem: "Jeder zweite Laden auf der Reeperbahn verkauft heute Alkohol und schaut nicht nach Ausweisen." Die Polizeipräsenz begrüßt er, das Messerverbot auch. Und er will noch mehr: Auch Glasflaschen sollten nicht mehr verkauft werden: "Jede größere Scherbe ist eine Waffe."