HafenCity: Altbürgermeister kritisiert die Architektur

Quadratisch, praktisch, aber auch gut?

Henning Voscherau wirft dem neuen Hamburger Stadtteil vor: zu modisch, zu viel Glas, zu wenig Wohnungen: Die Leser stimmen ihm voll zu.

Flachdachwürfel

"Voscherau: Architekten versagen bei HafenCity" und ",Das U-4-Projekt ist ein Jahrhundert-Fehler'", HA, 13. April

Der Grund für das irgendwie aneckende/abstoßende Design vieler Neubauten ist oft nicht mangelndes Können von Architekten und Oberbaudirektoren, sondern Absicht: Für die Mehrheit der vermeintlichen Avantgarden gilt alles Gefällige/Angepasste/Schöne als bourgeois und rückwärtsgewandt. Die Umgebung missachtende Flachdachwürfel mit amorph verteilten Fenstern dagegen als angesagt modern. Kunstwerke müssen abstoßen, um zeitgemäß zu wirken. Diese seit den späten 60er-Jahren verbreitete Penetration unserer Sinne stößt erst in jüngster Zeit auf realistische Kritik.

Christine Janssen, Hamburg

Krumme Gurken

Fast noch schlimmer als die beklagte Einförmigkeit und Langeweile wäre es, wenn die heutigen Architekten der Aufforderung zu mehr Abwechslung und Originalität folgen würden. Denn dann würden sie Gebäude entwerfen, die wie Übungswände für Rollbrettfahrer aussehen, wie krumme Gurken, Korkenzieher oder der Länge nach gespaltene Baguettes. Dafür gibt es leider viele erschreckende Beispiele weltweit. Im Vergleich dazu ist mir das, was in der HafenCity entsteht, doch noch lieber, das auch demnächst freundlicher aussehen wird, wenn es erst einmal Grünflächen gibt, Bäume gewachsen und Spaziergänger unterwegs sind.

Hans Martin Kölle, per E-Mail

Sinn fürs Schöne

Die HafenCity ist auf dem besten Weg, zwei der größten Hamburger Architekturverbrechen nachzueifern: der City Nord und der City Süd. Dort haben sich wirtschaftliche Interessenträger und Architekten ihrer Zeit ebenfalls ausgetobt und uns riesige seelenlose Areale beschert. Angesichts kalter, schnörkelloser Gebäude aus Glas und Beton vermisst man in der HafenCity schmerzlich den Sinn für das Kleine und Schöne. Nach einem Gang durch die windigen und steinigen Gassen sehnt man sich nach mehr Licht und grünen Ideen, man wünscht sich lebensnahe Bereiche und fragt sich, wer hier bloß wohnen will. Dazu noch dunkle U-Bahn-Schächte anstatt Hochbahn oder Straßenbahn. Wenig hip, irgendwie. Soll so modernes und urbanes Hamburger Leben aussehen?

Kai Stüwe, Hamburg

Stark machen

Ich stimme Herrn Voscherau aus vollem Herzen zu. An den nüchternen Bauten kann fantasievoll nachgebessert werden, neue Bauten können besser gestaltet werden. Aber das Konzept für die Bahn sollte unbedingt revidiert werden. Sie muss als Hochbahn gebaut werden. Wir Hamburger sollten uns nachdrücklich für diese attraktivere und dazu noch kostengünstigere Variante stark machen.

Uta Dobritz, Hamburg

Mischnutzung

Jeder Bebauung in der HafenCity geht ein Ausschreibungsverfahren voraus, in dem vorrangig unter dem Aspekt einer optimalen wirtschaftlichen Verwertung das jeweilige Grundstück vergeben wird. Architekten sind bei diesem Auswahlprozess eines Investors i. d. R. kaum vertreten. Heraus kommt dann eine Mainstream-Investorenarchitektur, die nur wenig Spielraum lässt für gestalterische Innovation und Individualität.

So schlecht ist die Architektur nicht, verglichen z. B. mit der City Süd. Ich meine, dass Händlern und Juristen auf die Finger geschaut werden muss. In die Verträge muss z. B. eine bestimmte Architekturqualität hinein. Insbesondere die öffentlichen Räume müssen mit Sorgfalt, Bürger- und auch Investorenbeteiligung gestaltet werden. Die Straßen sind unwirtlich, die Materialwahl an den Magellan-Terrassen war ein Angriff auf das menschliche Auge. Hier muss eine hohe Aufenthaltsqualität geschaffen werden, müssen Mischnutzungen erfahrbar sein, die Hamburger Bevölkerung und Besucher der Stadt sich eingeladen fühlen. Da gibt es noch einiges zu tun.

Matthias Frinken, per E-Mail

Einheitsbrei

Interessantes Bauen setzt vor allen Dingen Bauherren voraus, die Architekten spektakulär bauen lassen. Wenn aber die Stadt Hamburg gleichförmige Grundstücke mit der gleichen Bebaubarkeit verkauft und die Bauherren diese nur maximal ausnutzen wollen, entsteht automatisch Quader-Einheitsbrei. Gute Architektur wird durch den Einsatz zeitgenössischer Baustoffe, wie Glas, Beton, Metall nicht verhindert.

Das historisierende Bauen nach Art von Kollhoff (Architekt, die Red.) ist einfach nur feige, da fehlt der Mut, sich zu exponieren und der Kritik standzuhalten. Das ist genauso kreativ wie die schwarze Kleidung von Modejournalisten. Bei aller Hochachtung für den Erfinder der HafenCity, Henning Voscherau, verantwortet er doch viele dieser Irrwege. Er hat also keinen Grund, auf die Architekten einzudreschen. Voscherau liegt allerdings richtig mit der Forderung nach einer Hochbahn-Anbindung der HafenCity.

Peter Harm, Hamburg

Dranbleiben

Bitte bleiben Sie hartnäckig am Thema dran. Für mich grenzt es an Arroganz, wenn der Oberbaudirektor den Bürgern vermitteln will, sie sollten doch nur brav abwarten, dann würden auch sie noch erkennen, was für ein städtebauliches Juwel dort entstünde. Juwel vielleicht für Investoren, aber nicht für Hamburger, die sich in ihrer Stadt wohlfühlen wollen. Mir reicht die "Perlenkette" an der Elbe; auch so ein langweiliges, kaltes "Juwel". Sollen wir bei der HafenCity wirklich warten, bis der Oberbaudirektor und seine Investoren sich für die Meinung der Bürger interessieren? Bis dahin sind Millionen im (Hafen-)Sand versenkt.

Cornelia Dorn-Thies, per E-Mail