Der etwas andere Otto

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Anika Riegert

Entwicklung: Frank Otto, zweiter Sohn des Versandhausgründers, machte ungewöhnlich Karriere. Er besetzte Häuser, war Demonstrant und Systemkritiker. Heute besitzt er Fernseh- und Radiosender, realisiert Kunstprojekte.

Er ist anders. Statt dunkelgrauem Zweireiher trägt er schon mal ein schwarzes Hemd zur Jeans. Über, nicht in der Hose. Seine dunkelblonden Haare sind schulterlang, gekämmt nur dann, wenn Zeit und Lust es zulassen. Böse Zungen nennen ihn das schwarze Schaf der Otto-Familie, andere einen hanseatischen Rebellen. Wer ihn besser kennt, darf Frank zu ihm sagen.

Frank Otto war lange Zeit nur "der Versandhauserbe". Im kommenden Jahr werden dennoch alle Zeitungen schreiben, daß der Medienunternehmer Frank Otto 50 Jahre alt wird. Denn mittlerweile besitzt er mit seiner Firma mehrere Plattenlabels und Radiosender, ist an den Stadtsendern HH 1 und Berlin TV beteiligt und realisiert Kunstprojekte. Aus dem Erben ist ein Unternehmer geworden.

Der zweite von drei Söhnen des Versandhaus-Gründers Werner Otto (96), der 1949 mit Gründung des Otto Versands den Grundstein für ein Imperium legte, unterscheidet sich nicht nur optisch von seinen Halbbrüdern. Michael (63) und Alexander (38) haben eine vergleichsweise steile Karriere mit ebenmäßigen Lebensläufen hingelegt. Ganz im Sinne ihres Vaters. Michael Otto, Volkswirt (er promovierte mit der Dissertation "Die Absatzprognose im Versandhandel"), leitet heute erfolgreich die Geschicke des Familienkonzerns, mit 27 Jahren trat er als jüngstes Vorstandsmitglied Deutschlands in die Fußstapfen seines Vaters. Alexander Otto machte Abitur in Oxford, studierte in Harvard und sitzt jetzt der ECE Projektmanagement GmbH vor. Europas größter Entwickler und Betreiber von Einkaufscentern. Frank Otto lavierte sich eher orientierungslos durch seine Jugend.

"Als Kind und auch als Jugendlicher war ich oft anti", sagt er. Ein geordnetes Familienleben gab es für den Heranwachsenden nicht. Vater Werner ließ sich von seiner zweiten Frau Jutta scheiden, heiratete Ehefrau Nummer drei, Maren (64). Sie war damals 22 und in dem Alter wie Ottos älteste Tochter Ingvild. Als Katharina und Alexander geboren wurden, begann für Frank Otto eine Reise durch diverse Internate. "Von denen ich schnell wieder flog", erinnert er sich. Es ging um Mädchen oder Haschisch-Vorwürfe. Oder beides.

"Dabei war ich introvertiert, habe die Zähne nicht auseinanderbekommen", sagt er. Der Name "Otto" war für ihn kein Quell der Selbstsicherheit, sondern eine Last. "Egal, wo ich hinging, der Ruf meines Vaters war schon vor mir dort." Den Vater selbst hingegen bekam der junge Frank Otto nur selten zu Gesicht. Er habe den Vater immer sehr geliebt, doch die Nähe fehlte. "Gefühle zeigen, war in der Generation meines Vaters verpönt", so Frank Otto.

Er suchte den Anschluß woanders und zog in eine Eimsbütteler Wohngemeinschaft. "Bei freier Liebe und allem, was dazugehört", probierte er sich aus und lebte ein Leben abseits der reichen Familie. Allerdings von deren Geld. Statt bei der Bundeswehr zu dienen, leistete er Zivildienst - in einem alternativen Kinderladen. Dort verliebte er sich in Eva. Die hatte bereits eine Tochter und zog bald mit einer Gruppe von Musikern nach Berlin. Die kleine Melanie blieb bei dem damals 22 Jahre alten Ziehvater Frank.

"Ich wollte meinen eigenen Weg gehen. Mir Respekt ohne die Hilfe meines Namens verschaffen", so Frank Otto. In das väterliche Unternehmen stieg er nicht ein, sondern machte eine Lehre als Restaurator im Museum für Kunst und Gewerbe. Sein Kunststudium in Kiel brach er ab, um als Schlagzeuger der Band "City Nord" durch Deutschland zu tingeln. Kummer hämmerte er ins Schlagzeug, statt ihn auf dem Silbertablett beim Familientee zu servieren.

Es gab zwar regelmäßige Treffen mit dem Vater, "in denen es auch um Systemkritik oder Themen wie Umweltschutz ging und die Meinungen oft gar nicht so weit auseinanderlagen". Doch hätte Werner Otto seinen Sohn lieber beim Diskutieren für den Club of Rome gesehen als mit Polizisten prügelnd bei einer Anti-Atom-Demo in Brokdorf. Außerdem engagierte Frank Otto sich in der Bunten Liste für eine bundesweite Umweltpartei - die Grünen. Nicht gerade eine Unternehmerpartei.

"Mein Vater hat die Republik mit aufgebaut, ich wurde in sie hineingeboren", begründet er die Differenzen von damals zwischen sich und seinem Vater.

Die Wandlung von Frank Otto begann langsam, indem er als Bandmanager die Verantwortung für Verträge übernahm. Und sie wurde richtig erkennbar, als sich Otto 1988 zunächst mit 25 Prozent an dem neuen Privatsender OK-Radio (heute Oldie95) beteiligte und ihn später ganz übernahm.

Das Startkapital - rund vier Millionen D-Mark - steuerte Vater Werner bei. "Der kleine Unternehmer in mir meldete sich immer lauter", so Frank Otto. Und sein Selbstbewußtsein. "Ich wollte etwas auf die Beine stellen." In einem Bereich, der ihm lag: Musik. So folgte die Beteiligung am TV-Sender Viva, die Mitgründung des Senders HH 1, dazu kam die "Hamburger Morgenpost". Die Verkäufe brachten ihm später satte Gewinne - wichtiger für das Ego als für den Geldbeutel.

Denn plötzlich wurde Frank Otto als Medienunternehmer wahrgenommen. Mit seiner damaligen Frau, NDR-Moderatorin Sandra Maahn, bekam er zwei Kinder und wurde zum gerngesehenen Gast bei gesellschaftlichen Anlässen. Ein wenig schräg, aber akzeptiert.

Heute lebt der Medienunternehmer mit Lebensgefährtin Stefanie Volkmer (31) und den beiden gemeinsamen Kindern in einem Stadthaus auf der Uhlenhorst. Im eigenen Tonstudio bastelt Frank Otto an seinem aktuellen Musikprojekt, der Multimedia-Show "Trip - Remix your Experience".

Der Mix aus Liebesgeschichte, Musik-Clip und Unterwasserdokumentation soll im August in die Kinos kommen. Er wisse immer noch nicht, ob er eher Unternehmer oder Kreativer sei. Den Namen Otto trägt er heute mit Stolz. Weil er über sich selbst und die Verantwortung für seine eigenen Kinder auch zu seinem Vater gefunden hat. Für den er "Liebe, Respekt und vor allem Verständnis" empfindet.

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