Sie machten den Kiez zur Hölle

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Kristina Johrde

Serie: Hells Angels kontrollierten jahrelang die Bordelle auf St. Pauli. Erpressung, Raub, Mord: Die berüchtigte Rockergruppe wurde zwar Ende der 80er Jahre verboten, doch die Macht hat sie nie endgültig verloren.

Lederklamotten, martialische Tätowierungen, immer breitbeinig auf einer Harley Davidson präsentiert: Das war die Show, die die "Hells Angels" seit Anfang der 80er Jahre auf dem Kiez täglich aufführten. Dort, wo die Höllen-Engel auftauchten, zitterten nicht wenige St. Paulianer um ihr Leben - die brutalen Methoden, mit denen sie ihre Gegner terrorisierten, waren legendär.

Einer der berüchtigtsten "Angels", Klaus-Peter Grabe, zwei Meter groß und wahrlich furchteinflößend, parkte seine Harley an einem Sommertag 1983 vor dem Pickenpack am Schulterblatt. Er betrat den Laden, weitere Höllen-Engel folgten. Grabe zwang eine Frau: "Leck mir die Stiefel." Seine Kumpels griffen nach Essen von den Tellern, warfen es durch den Raum. Einer erbrach sich auf den Tresen. Berühmt wurde der Ausspruch des damaligen Pickenpack-Chefs: "Die rustikalen Auftritte führten bei Gästen zu einer gewissen Appetitlosigkeit."

Die Rockergruppe Hells Angels wurde 1948 in den USA gegründet. Angeblich waren es ehemalige amerikanische Militärpiloten gewesen, die den Klub nach einer Bomberstaffel benannt haben. Zunächst war es nur eine Gruppe von Motorradfahrern, die Harley-Davidsons liebten und gern Lerderjacken mit geflügelten Totenköpfen trugen. Doch bald wurde daraus eine riesige Organisation.

1971 war der Hamburger Rainer Kopperschmidt (damals 22) in die USA gereist und hatte nach langen Verhandlungen in Kalifornien die Erlaubnis erhalten, ein Hamburger "Chapter" zu gründen. Kurz danach geschah bereits die erste Gewalttat: Weil der Kirchenhelfer Dieter König (damals 20) angeblich den Hupenring eines Angel-Autos gestohlen hatte, erschossen die Rocker ihn in der Eimsbütteler Apostelkirche. Mehrere Hamburger Höllen-Engel ermordeten 1980 auf Sylt einen Disco-Besitzer.

Durch die Gewalttaten hatten sie so viel Angst verbreitet, daß sie bei den Kiez-Wirten nur noch die Hand aufzuhalten brauchten. Angeblich kassierten die Angels von einigen Wirten im Monat bis zu 10 000 Mark "Wegbleibe-Gebühr". Übernommen hatten sie das Motto der amerikanischen Angels: "When in doubt, knock them out" ("Im Zweifel bewußtlos schlagen").

Der damalige Innensenator Alfons Pawelczyk (SPD) eröffnete schließlich die Jagd auf die Höllen-Engel. Am 11. August 1983 stürmten 500 Polizisten im Schanzenviertel das Vereinslokal "Angels Place". Die Hells Angels hatten sich inzwischen auch als Betreiber von Bordellen auf dem Kiez etabliert. 1986 kam es zum großen Prozeß gegen die Bosse der Rockerbande: 13 Hamburger Mitglieder wurden wegen räuberischer Erpressung und Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt. Doch durch einen "Deal" mit der Justiz gab es nur Strafen zwischen sechs Monaten und sieben Jahren. Die hatten die Bosse, unter ihnen Chapter-Chef Mario A., schnell abgesessen.

Nach dem Verfahren wurde das Hamburger Chapter verboten. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte 1988 das Verbot. Doch das kümmerte die Höllen-Engel wenig. Sie machten einfach in anderen Städten weiter. In Skandinavien kam es in den 90er Jahren zu Konkurrenzkämpfen zwischen Mitgliedern der Hells Angels und Rivalen aus der Gruppe "Bandidos". Bei einem Kampf, bei dem auch Handgranaten und Maschinenpistolen eingesetzt wurden, kamen vierzehn Menschen ums Leben.

In Hamburg verloren die Hells Angels die Macht nie vollständig: Ihre Bosse agierten von Hannover aus. Ende 2000 kam es zu einer der größten Razzien auf dem Kiez: Die Höllen-Engel hatten wieder die Macht in den Bordellen der Reeperbahn. Sechs Zuhälter kamen in Haft, die Polizei beschlagnahmte ihre Konten, Immobilien, Luxus-Autos - und fünf Harley Davidsons.


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Die Serie wird am Mittwoch fortgesetzt - im Abendblatt und auf NDR 90,3: Dort wird der Schauspieler Wolfgang Völz um 8.20 Uhr sowie um 17.40 Uhr die Entführung von Jan Philipp Reemtsma schildern.

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