Walfänger, Bordellschiff - und Charles war auch schon an Bord

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Axel Tiedemann

Hier soll Prinz Charles schon einmal übernachtet haben? Majestätisch prunkvoll ist sie nicht gerade, die größte Kajüte der "Orca 1" - aber durchaus gemütlich: Ein Ambiente aus Doppelkoje und dunklem Holz, das offensichtlich auch weniger adlige Gestalten schon zu schätzen wußten: So soll auch St.-Pauli-Killer Werner Pinzner sich hier in den 80er Jahren auf den Matratzen amüsiert haben. Damals gehörte das heute 100 Jahre alte Schiff einem angeblichen Tauchklub. An der Bar standen oft Kiezgrößen aus der sogenannten St.-Pauli-GmbH, einer Hamburger Zuhälter-Gang. Als "Bordellschiff" machte die "Orca 1" in dieser Zeit Schlagzeilen. Horst Schubert (68), heutiger Eigner, hat alle diese Zeitungsausschnitte aufbewahrt. In einem dicken Ordner, der die lange Geschichte des knapp 30 Meter langen Schiffes erzählt, das derzeit im Harburger Binnenhafen im Winterquartier liegt und auf einen neuen Eigner wartet.

1914 wird das Walfangschiff in Dänemark gebaut. Der hochgezogene Bug für den Harpunen-Schießstand und ein Ausguck-Korb im Mast erinnern noch an diese Zeit. Die alten Kohlenbunker für die Dampfmaschine sind aber längst verschwunden. Heute sind dort Kajüten für zwölf Gäste und drei Mann Besatzung eingebaut. Und statt einer Dampfmaschine arbeitet ein Zwölf-Zylinder-Diesel mit rund 310 PS im Rumpf der "Orca 1". "Im Laufe der Zeit wurde der Dampfer immer wieder umgebaut, bis auf den Rumpf hat sich das alles ein wenig verändert", sagt Schubert.

Die größte Veränderung erfährt das Schiff in den 60er Jahren: Seinerzeit schippert der frühere Walfänger bereits als Fähre in dänischen Gewässern. 1964 entdeckt ihn dort ein phantasievoller Gastronom aus Hannover. Sechs Jahre dauert die Umbauzeit, bis das Schiff unter dem Namen "Mocambo" auf einen ganz neuen Kurs geht: In der Karibik wird es Feriendampfer für Tauchtouristen. Die Gäste kommen aus Westeuropa, Kanada und den USA; Service "all inclusive", nächtliche Partys unter karibischem Mond. In dieser Zeit kreuzt die "Mocambo" wohl auch die Wege des damals 25jährigen britischen Thronerben. Prinz Charles leistet 1973 gerade seinen Dienst bei der Marine und braucht eines Tages eine Passage von der Insel Mustique zu seinem Schiff "Fox" auf St. Vincent. Die "Mocambo"-Besatzung kann helfen. Alles Legenden? "Nein, nein", sagt Schubert und zieht neben einigen alten Schwarzweißfotos auch Kopien aus dem alten Gästebuch aus seinem Ordner. "Charles, Juli 1973", hat da jemand unterschrieben.

Keine zehn Jahre später ist die "Mocambo" wieder zurück auf Nord- und Ostsee, wechselt in kurzer Zeit mehrfach die Eigentümer und wird schließlich zum "Bordellschiff" im Dunstkreis der St.-Pauli-GmbH. Als Werner Pinzner 1986 während seiner Vernehmung im Polizeipräsidium den Staatsanwalt, seine eigene Frau und dann sich selbst erschießt, wird das Schiff kurze Zeit später versteigert.

Der neue Eigner kann aber schnell die Werft-Rechnungen nicht mehr bezahlen. "Da wurde ich auf das Schiff aufmerksam", erzählt Horst Schubert. Der auf St. Pauli aufgewachsene frühere Seemann erkennt in der Rumpfform schnell die Seetüchtigkeit des Schiffes. Und Schubert hat auch eine Idee für die neue Nutzung. Im alten Holzhafen in Hamburg hatte er in den Jahren zuvor einen Yachthafen aufgebaut, schließlich alles verkauft und war dann mit seiner Frau Helga auf einem 24 Meter langen früheren Forschungsschiff zwei Jahre durchs Mittelmeer geschippert. Wie auf der "Mocambo" boten die Schuberts auch Tauchreisen an: "Doch davon hatte ich dann genug, man muß sich da einfach um jeden Kleinkram der Gäste kümmern", erzählt Schubert. Er sattelte auf Angelreisen in der Nordsee um. Der alte Walfänger wird komplett restauriert und ist das erste seiner heutigen, vier Schiffe großen "Orca"-Flotte.

Doch jetzt denken die Schuberts ans Aufhören. Der alte Walfänger aus dem Harburger Hafen steht daher wieder einmal zum Verkauf - mitsamt der legendären Doppelkoje.

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