"Schneekönig" Miehling - er kann's nicht lassen

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Christian Denso

Coup: Das BKA hat Hamburgs bekanntesten Drogenhändler festgenommen. Diesmal geht es um elf Kilo Kokain, das unter der Regie des 55jährigen aus Kolumbien nach Hamburg geschmuggelt werden sollte.

Sie nannten ihn "Schneekönig" oder den "Dicken" - ersteres hörte Ronald "Blacky" Miehling immer ausgesprochen gern. Er war der Kokain-Lieferant der Hamburger Schickeria, importierte mehr Kilogramm der weißen Droge nach Deutschland als jeder andere Dealer in den 90er Jahren, insgesamt rund eine Tonne. Der Polizistensohn aus Wandsbek verbrachte Jahre in Santa Fu, schrieb ein Buch, gab sich geläutert. Und war es doch nicht: Am Dienstag wurde der schillerndste aller Drogenhändler verhaftet. Wieder geht es in dem Fall um Koks. "Blacky Miehling machte da weiter, wo er aufgehört hat", sagt ein Ermittler.

In seiner tristen Wohnung an der Fabriciusstraße (Bramfeld) faßten Beamte des Bundeskriminalamts und der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift (GER) von Zoll und Polizei Miehling am Dienstag nachmittag. Sie führten den 55jährigen durch den Hausflur, über einen Steinweg zum Polizeiwagen. Miehling schützte sich mit einem hellblauen Umhang vor Blicken. Er kam in die Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis. BKA, Hamburger Staatsanwaltschaft und die GER-Fahnder hatten den Ex-Drogenbaron seit Monaten im Visier. "Er steht im Verdacht, der Kopf einer Drogenbande zu sein", ließen die Ermittler verlauten. Diesmal geht es um elf Kilo Kokain, das unter der Regie des 55jährigen aus Kolumbien über Panama nach Antwerpen und weiter nach Hamburg geschmuggelt werden sollte. Anfang Mai war der Name Miehling in einem anderen Drogenverfahren der Staatsanwaltschaft gefallen. Seit dem 5. Mai ermittelten die Behörden. Sechs Kilo Koks wurden bereits am 16. Oktober auf einem Containerschiff in Sheerness (Großbritannien) abgefangen, Telefone daraufhin abgehört, Scheinkäufe getätigt, Ermittler in Kolumbien und Belgien eingebunden. "Das volle Programm", so Oberstaatsanwalt Rüdiger Bagger.

Gestern legte der Großdealer ein weitgehendes Geständnis ab. Diesmal agierte Miehling, der sich in der Blüte seiner Millionengeschäfte einen Hofstaat von bis zu 50 Mitarbeitern leistete, zurückhaltender. Neben Miehling wurden zwei Kuriere (27 und 33) verhaftet. Beide stammen aus Ex-Jugoslawien. "Wir konnten dem Hauptverdächtigen eine rege Reisetätigkeit nach Südamerika nachweisen", sagt Oberstaatsanwalt Bagger. Hatte Miehling seine alten Kontakte zum kolumbianischen Kali-Kartell aufgewärmt? Der Mann mit der mehrfach gebrochenen Nase, der stets von sich sagte, er sei "Humanist", weil er seine Kuriere überdurchschnittlich reich entlohnte, war 1994 nach jahrelanger Karriere über einen Riesendeal gestolpert. Für die kolumbianische Mafia sollte er einen neuen Vertriebsweg über Polen ausprobieren. Es ging um zwei Tonnen Koks. Allein 250 Kilo sollte Miehling erhalten, Gegenwert 7,5 Millionen Euro. Doch der Super-Coup flog auf. Der längst millionenschwere Miehling floh in letzter Sekunde vor den Fahndern nach Kolumbien. Zwei Jahre später wurde er auf dem abgelegenen Flugplatz San Antonio in Venezuela verhaftet. Seine Strafe damals: zwölfeinhalb Jahre Haft, die er zunächst in Santa Fu, dann in Glasmoor absaß. Es war die zweite lange Haftstrafe. Zuvor saß er acht Jahre. Er war an der Ermordung eines Schlachters beteiligt, der ihm Geld schuldete.

Seit Dezember 2003 war Miehling wieder ein freier Mann. Drei Jahre und vier Monate Haft wurden zur Bewährung erlassen. Im Knast hatte er sich fit gehalten und zum Insassenvertreter wählen lassen. Er schrieb sein Leben auf, das Buch "Schneekönig" belegt bei "amazon.de" derzeit immerhin Verkaufsrang 4081.

Seit dem 1. März 2004 wohnte er in einem Wohnblock an der Fabriciusstraße. Sein Name steht auf dem Klingelschild. 52 Quadratmeter Dachgeschoßwohnung - das war zuletzt sein Reich. Der Geruch von Essen hängt bis in den fünften Stock im Treppenhaus, die Deckenlampe verbreitet milchiges Licht. Nur das behelfsmäßig angebrachte Schloß an der weißen Wohnungstür zeugt vom Einsatz des Sondereinsatzkommandos. "Das war ein unglaublicher Lärm, als die da rein sind", berichtet eine Nachbarin, die "zehn maskierte und schwer bewaffnete Polizisten" gesehen hat: "Sie liefen geduckt in unser Haus."

In dem Mehrfamilienhaus ist Miehling kaum bekannt, einer von gut einem Dutzend Mietern. Freundlich, ruhig, sei er gewesen, sagen Nachbarn. Besuch habe der Mieter nie empfangen, heißt es. "Ich habe zweimal Pakete von einem Versand für ihn angenommen", erzählt die sichtlich schockierte Anwohnerin Irmgard Z.: "Als ich ihm dann eines der Pakete brachte und er mir in Unterhose aufmachte, wurde mir das zuviel. Aber so eine Tat, die hätte ich dem nie zugetraut."

Vor dem Haus, ordentlich geparkt entlang der Fabriciusstraße, steht noch Miehlings Auto - ein knallroter Fiat Barchetta mit silberfarbenen Alu-Felgen, innen peinlich sauber. Mit offenem Verdeck und lauter Musik wurde der 55jährige oft in diesem Cabrio gesehen. So fuhr er etwa vor, wenn er im zirka 300 Meter entfernten Spar-Markt einkaufen ging.

Auffällig, doch kein Vergleich zum früheren Blacky Miehling: Der vergnügte sich nächtelang im "Club Aphrodite", fuhr einen Mercedes 500 SL, badete in Champagner (Miehling: "Man braucht 400 Flaschen, ich hab's gezählt!"). In den 90ern trugen ihm die Kunden das Geld in Plastiktüten in seinen Luxus-Bungalow in Norderstedt, in dem der Millionär, der nebenbei Arbeitslosengeld bezog, mit seiner Frau Gisela lebte.

Nun sitzt der "Schneekönig" einmal mehr im Knast. Reue zeigte er schon vor der letzten Entlassung nicht. Damals sagte er: "Das kann ich nicht. Ich sehe auch keine offenen Rechnungen. Höchstens die mit dem Staat, aber auch die ist fast beglichen."

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