Schulhofprügelei - 15jähriger liegt im Koma

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Jan-Eric Lindner

Bramfeld: Entsetzen an der Anne-Frank-Schule: Täter ist erst 13 Jahre alt. Es passierte vor dem Unterricht. Opfer erlitt Blutung im Gehirn. Nach Notoperation kämpfen die Ärzte im UKE um sein Leben.

"Ich bin entsetzt und zutiefst betrübt. Mein Mitgefühl ist bei dem Opfer und seinen Angehörigen": Mit diesen Worten reagierte Schulsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) auf das Drama an der Anne-Frank-Förderschule (Bramfeld), bei dem der 15jährige Kevin R. lebensgefährlich verletzt wurde.

Der Täter ist erst 13 Jahre alt. Georgio L. (Name geändert) hatte mehrfach auf den 15jährigen eingeschlagen. Er traf die Schläfe. Ein Freund des 13jährigen hatte den Jungen festgehalten, möglicherweise waren auch mehrere Jugendliche an der Tat beteiligt. Kevin R. ging nach der Attacke noch in den Unterricht. Er setzte sich, so, als sei nichts gewesen, auf seinen Stuhl. Doch plötzlich erbrach er sich, sackte zusammen, wurde bewußtlos. Die Schulleitung alarmierte den Notarzt. Der brachte den Jungen auf die Intensivstation des UKE.

Wer ist der Junge, der auf dem Schulhof beinahe zum Totschläger wurde? Mit 1,70 Meter ist L. groß und kräftig für sein Alter. Seine mittellangen, zu Zöpfen geflochtenen Haare trägt er meist nach hinten gebunden. Täglich geht er mit seinen Freunden Skateboard fahren. Mit seinen beiden jüngeren Schwestern, der Mutter und ihrem Lebensgefährten lebt er in einem kleinen Einfamilienhaus in einer ruhigen Wohngegend nahe dem S-Bahnhof Poppenbüttel. Im Januar wird er 14 Jahre alt. Vor zehn Jahren war die Mutter aus Jamaika nach Hamburg gekommen. Georgio L. war auf der Karibikinsel geboren worden.

Georgio L. ist bereits - trotz seiner erst 13 Jahre - mehrfach durch Straftaten auffällig gewesen. So erhielt er am 2. Juni 2004 das erste "normvertiefende Gespräch" mit Mitarbeitern des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) Alstertal. Ein normvertiefendes Gespräch ist nach dem Jugendrecht eine besondere erzieherische Maßnahme, um Kindern und Jugendlichen ihr Fehlverhalten zu verdeutlichen. Georgio L. hatte einen Jungen mit einem Skateboard geschlagen.

Auch in der Schule fiel er auf - vor allem durch Aggressivität gegen Mitschüler. Am 25. Oktober benachrichtigten Rebus-Mitarbeiter (sie beraten Lehrer und Eltern in besonders schwierigen Fällen) den ASD erneut. Die Mutter - sie besitzt das alleinige Sorgerecht - hatte selber über die Schule um Hilfe gebeten, weil sie offenbar zunehmend die Kontrolle über ihren Sohn verloren hatte. Das geht aus den Akten von Georgio L. hervor. Danach soll er einmal sogar einen Hund gegen eine Wand geworfen, das Tier dann mit dem Foto-Handy abgelichtet haben. Am 1. November waren Georgio und seine Mutter wieder beim ASD. Die Betreuer rieten ihm zu einem "Coolness-Workshop", bei dem Jugendliche lernen, ihre Aggressionen in den Griff zu bekommen. Nach Aussagen der Betreuer sei die Mutter darüber wenig erbaut gewesen.

Drei Tage später schlug er Kevin R. zusammen. Die Jungen, so heißt es im Umfeld der Schule, hätten seit längerer Zeit Streit gehabt. Nun liegt der Ältere der beiden im Koma. Im UKE wurde er notoperiert, die Ärzte entfernten ein Blutgerinnsel, gaben ihm am Freitag eine Chance von 50 zu 50, daß er die schweren Schädelverletzungen, die zu einer Blutung im Gehirn geführt haben, überlebt. Die Eltern des 15jährigen waren gestern fast den ganzen Tag im Krankenhaus, zeigten sich geschockt über die Tat. Kevin R. kommt aus Rahlstedt, besuchte die neunte Klasse der Anne-Frank-Förderschule im Hohnerkamp. Auf dieser Schule sind Schüler, denen der Unterricht auf einer Grund- oder Hauptschule zu schwer oder zu schnell ist. In Klassenverbänden mit durchschnittlich 13 Schülern sollen die Kinder und Jugendlichen Mißerfolge verarbeiten und wieder Spaß am Lernen finden. 28 Pädagogen und eine Psychologin stehen den rund 210 Schülern zur Verfügung. Weil es in den Pausen häufig zu gewaltsamen Streitigkeiten zwischen Schülern kam, wurde der Schulhof Anfang der 90er Jahre umgestaltet. Streitschlichter, das sind in 40 Unterrichtstunden ausgebildete Schüler, sollen dabei helfen, innerhalb der Klassen Streitigkeiten mit sprachlichen Mitteln zu lösen und so Prügeleien zu verhindern. Georgio L. sitzt nun in der Feuerbergstraße. Im UKE kämpfen die Ärzte weiter um das Leben des 15jährigen Kevin R.

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