Neue Konturen für Hamburgs Gesicht

Kommentar

Eigentlich ist es paradox: Trotz aller Katastrophen, die die Hansestadt in ihrer langen Geschichte erlitten hat, und ungeachtet allen sozialen Wandels blieb das Grundmuster des Hamburger Stadtbildes seit Jahrhunderten erstaunlich konstant: Es wird bestimmt durch die allgegenwärtige Verbindung von Land und Wasser und die sich dadurch ergebende Gliederung des Stadtraums. Da die Türme des Michels, der anderen Hauptkirchen und des Rathauses im Lauf des 20. Jahrhunderts nur dürftige Konkurrenz bekamen, ähnelt die heutige Silhouette noch immer historischen Darstellungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Unverwechselbarkeit des Hamburger Stadtbildes ist ein hohes Gut. Es wirkt identitätsstiftend und trägt zur positiven Wahrnehmung von Urbanität bei. Dennoch ist es nicht unantastbar, es kann sich weiterentwickeln - auch wenn dies Risiken birgt: Immer wieder hat es in Hamburg Pläne gegeben, bei deren Realisierung die Stadtsilhouette weitgehend verloren gegangen wäre. Dennoch ist es falsch, verfehlte Projekte von gestern als Totschlag-Argumente gegen neue - auch unkonventionelle - städtebaulich-architektonische Planungen ins Feld zu führen. Auch wenn das gewachsene Stadtbild als bewahrenswert akzeptiert wird, darf es keine Denkverbote geben. Heute wirken einige der Glasbauten der vergangenen Jahre als wohltuendes Korrektiv zum Einerlei des lange Zeit sakrosankten Backsteins. Und warum sollten anspruchsvolle Hochhausbauten der HafenCity mit ihrer so hamburgischen Verbindung von Land und Wasser nicht Charakter und Kontur geben? Auch ein neues Stadtbild kann freilich nur dann Identität stiften, wenn es urbane Qualität besitzt und als unverwechselbar erkannt wird. Neue Wahrzeichen kann man sich wünschen. Planen lassen sie sich nicht - sie werden bestenfalls im Lauf der Zeit als solche akzeptiert.