Eine Liebe über den Tod hinaus

Schicksal: Wie für Anna Augstein trotz Trauer um ihren Mann das Leben weiterging. Michael Jürgs erzählt in seinem Buch "Der Tag danach" über biographische Wendepunkte von unbekannten und bekannten Menschen. Eine Serie im Abendblatt.

Tage gibt es, an denen sie auf die Terrasse tritt und in den Garten schaut, der an einem der Kanäle endet, die in dieser Gegend träge durch die Jahreszeiten fließen, und Anna Augstein denkt, wie schade es ist, daß er solche Tage nicht mehr erleben durfte.

Dann kommt es ihr so vor, als sei es erst gestern gewesen, daß Rudolf Augstein gestorben ist, als sei sie erst seit gestern die Witwe eines Überlebensgroßen. "Mein eigenes Leben", sagt sie "konnte erst neu beginnen, als vier Jahreszeiten vorbei waren, die Monate, die ich zuvor noch mit ihm verbracht habe." Zu Zeiten, die gemächlicher vergingen, nannte man diese Zeit des Kummers ein Trauerjahr. Erst nachdem sich dieser Kreis geschlossen hatte, dachte sie nicht mehr automatisch: "Letztes Jahr um diese Zeit war ich mit ihm in Bayreuth oder war ich mit ihm in St. Tropez oder war ich mit ihm in Salzburg oder war ich mit ihm in . . . "

Rudolf Augstein starb am 7. November 2002, kurz nach seinem 79. Geburtstag. Für das Blatt, das er gegründet hatte, verging die Zeit der Trauer schneller. Was daran liegt, daß diese Branche mit ihren Toten noch schnelllebiger ist als andere. Augstein hielt sich nicht für unersetzlich, für keinen Mann von Macht, sondern für einen, der mit einer "halben Ohnmacht" gesegnet war, wie er seinem Freund Martin Walser in einem Gespräch zwischen alt gewordenen Männern mal anvertraute. Hielt sich nicht für einen deutschen Grübler vor dem Herrn, sondern für einen, der sich das Leben "durch Sarkasmus erträglich bis fröhlich" machte.

Anna Maria Hürtgen, scheinbar das klassische Beispiel für das Klischee "Frau an seiner Seite", hat sich während des gemeinsamen Lebens immer ihr eigenes bewahrt. Das war manchmal bitter, manchmal nötig, manchmal bitter nötig. Denn ihr Mann hatte zwar "Maßstäbe, aber er hatte keine Moral", wie ihm eine seiner Töchter bei der Beerdigung auf dem Friedhof in Keitum nachrief, "eigene und fremde Gefühle waren nicht so sein Ding". Nach seinem Tod erfüllte sie zunächst ihre Rolle. Die stand in der Besetzungsliste unter "letzte Frau an seiner Seite". Die anderen Frauen saßen beim Staatsakt in der Hamburger Michaeliskirche neben ihr. Als amtierende Witwe nahm sie das Beileid der Großen entgegen. Danach kappte sie alle Leitungen zum "Spiegel" , zog sich in sich zurück.

Geheiratet haben Anna Hürtgen und Rudolf Augstein erst zwei Jahre vor seinem Tod. Die zwanzig Jahre ihrer Beziehung waren geprägt von Nähe wie von Ferne und manchmal nur von ferner Nähe. Sie brauchte ihn, und er brauchte sie, und viel mehr haben sie für sich nicht mehr gebraucht. Denn kurz vor seiner tatsächlichen Endstation schien er Geschmack an der Endstation Sehnsucht gefunden zu haben, obwohl er Liebe nur für einen vorübergehenden Zustand hielt wie Glück, Erfolg, Gesundheit. Wäre dem längst vom Glauben Abgefallenen unendliches Leben angeboten worden, hätte er voller Entsetzen abgelehnt. Das endliche reichte ihm völlig.

Sein Sarkasmus, der ihn vor der Verzweiflung über die Zeitläufe bewahrte, gehörte ebenso zu seinen Eigenschaften wie stillschweigende Hilfsbereitschaft und altmodische Höflichkeit. Wahrscheinlich hätte dieser Vermutung - denn mehr als eine Annäherung an ihn kann es hier nicht sein - Rudolf Augstein spöttisch widersprochen mit dem Lachen, das so tief von innen aus ihm kam wie die Arien, die er bei unpassenden Gelegenheiten lauthals sang. "Weite Reisen konnten wir nicht mehr machen, das ließ seine Gesundheit nicht mehr zu", aber für Abenteuerreisen im Kopf reichte es dem weitgereisten Journalisten allemal.

Weil seine Sehkraft schwand, konnte er irgendwann nicht mehr selbst lesen, sich wie früher vergraben in Bücher und Schriften, aus denen er sich Erkenntnisse und Wahrheiten sog. Er mußte Vorleser anstellen., was er sich als Millionär leicht leisten konnte. Im Urlaub las ihm Lebensgefährtin Anna vor. "Wenn er dann drei Wochen später den Artikel diktierte, der ihm auf Grund dieses ja nur Vorgelesenen eingefallen war, stimmte in dem jedes Detail. Er hatte sich alles gemerkt."

Das Haus hatten sie sich gemeinsam ausgesucht. Bevor sie einziehen konnten, wurde er abgeholt in eine andere Welt. Sie wußten beide, daß seine Zeit zur Neige ging. Den Ärzten, die ihm die Wahrheit sagen mußten, hätte er ebenso wenig eine Lüge durchgehen lassen wie den Politikern in den Zeiten, da er sie Montag für Montag vorzuführen pflegte und ihnen seinen Spiegel vorhielt. Wenn sie ihn sehen wollten, ließ er sie kommen. Seinen Rat gab er aber auch gern ungefragt. "Weil er in sich ruhte, war es ihm egal, was sie von ihm hielten, und was er von ihnen hielt, hat er auch dann laut gesagt, wenn sie ihn hören konnten", erzählt Anna Augstein. Augsteins Scherze waren gern schonungslos, so war er immer schon. Aber "da er sich selbst von diesen Gemeinheiten nicht ausnahm, war es auch wieder okay."

Auf dem Kaminsims steht ein Foto von ihm, das sie besonders liebt. Es ist aufgenommen in St. Tropez ein Jahr vor seinem Tod. Im Gesicht des Alten ist der Junge zu erkennen, dieses verschmitzte Lachen, diese Lust auf Ironie, die "sich nur denen erschloß, die ihn besser kannten, die ihn liebten". Zwar schlurfte er am Ende mühsam, gebeugt von seiner lebenssatten Müdigkeit, meist geführt von ihr. Aber obwohl er todmüde war, hatte er bis zum Schluß Spaß an der ihm eigenen Lust, mit den Erwartungen von anderen zu spielen und genau das Gegenteil von dem zu tun, was sie von ihm erwarteten. Von sich selbst machte er nichts her. Er war nie ein Salonlöwe, aber ein Löwe, den sie fürchteten in den Salons. Alte Kordhosen, die ausgebeult waren, als hätte er sie direkt nach dem letzten Krieg günstig erworben und seitdem unentwegt getragen, rettete er früher tapfer vor der Vernichtung durch jeweilige Ehefrauen oder Lebensgefährtinnen. Freunde hatte er kaum noch. Die paar, die er je an sich hatte herankommen lassen wie Henri Nannen oder Henri Regnier oder Wolfgang Döring, waren tot.

Es fehlt ihr, daß er neben ihr sitzt und mit zynisch-frechen Bemerkungen die Zeitungen garniert, aus denen sie ihm beim Frühstück vorlesen mußte. An manchen dieser Tage danach geht Anna Augstein auf die Terrasse, schaut in den Garten und schluckt die Tränen runter.

So gesehen wohl eine Liebe über den Tod hinaus.