"Marienkäfer" - Nervenkrieg in der Sackgasse

Marienthal: Nachbarn fordern Umzug des Kindergartens - Fronten verhärten sich. Seit Wochen suchen die Beteiligten einen Kompromiß. Doch die Diffenrenzen scheinen zu groß.

Neun Minuten dauert die Fahrt mit der Regionalbahn vom Hamburger Hauptbahnhof bis zur Station Wandsbek. Hier beginnt Marienthal. Vom Bahnhof sind es noch zehn Minuten zu Fuß bis zum Kindergarten "Marienkäfer". Der kürzeste Weg führt durch die Schatzmeisterstraße. Dort gibt es Villen und Apartments. Manche Häuser haben Alarmanlagen. Die Gegend ist ruhig, an diesem Vormittag fallen nur ein paar Eicheln auf feingeharkte Erde.

Die Schatzmeisterstraße ist eine Allee der Stille. Altpapier liegt in kleinen Bündeln auf dem Bürgersteig, gut verschnürt oder in Designertüten. Bereit zum Abholen. Die Gärten sind gepflegt, der Rasen auf Kante geschnitten. Im Nöpps, der Sackgasse mit Wendehammer, dort, wo der Kindergarten vor elf Jahren in ein Einfamilienhaus eingezogen ist, ist das nicht anders. Nur stehen hier Linden statt Eichen, und ruhig ist es nicht mehr.

Über dem Eingang des Kindergartens hat jemand in lilagrüner Schrift "Villa Kunterbunt" geschrieben. Für die Erziehung der Kinder gibt es ein pädagogisches Konzept. Das sei "alternativ und sozial", sagt Anja Matthies (41). Sie ist Mutter von zwei Kindern, hat sich im August um die Pressearbeit des Kindergartens gekümmert. Im Aufgang der hölzernen Wendeltreppe, die zu der "Bärchen"-Gruppe führt, haben die Erzieherinnen die Artikel über den "Marienkäfer" aufgehängt. Auch Matthies ist auf einem Foto zu sehen. "Schon wieder gab es Ärger mit den Nachbarn", sagt sie und senkt den Kopf. Einer, der bislang noch nie was gesagt habe, habe in der vergangenen Woche einen Busfahrer, der die Kindergartengruppe auf einen Ausflug mitnehmen wollte, beleidigt. Matthies steht hinter dem Fenster der "Elefanten"-Gruppe im Erdgeschoß. Sie zeigt auf die rosa Villa gegenüber, dabei bemerkt sie, wie ein anderer Nachbar aus seinem Fenster schaut. Sie zuckt zwei Schritte zurück.

Busunternehmer Robert Bauer erzählt später, wie es genau zuging: "Der Anwohner schimpfte, sagte, daß die Abgase meines Busses seine Hecke kaputtmachen würden." Der Mann sei gut angezogen gewesen. "Dann hat er mich noch gefragt, warum ich diese Brut, diese Parasiten und Eindringlinge überhaupt befördere." Bauer will mit seinem Rechtsanwalt über den Fall sprechen. Denn beleidigen lasse er sich nicht. Die Nerven im Nöpps liegen blank. Für den Umzug des Kindergartens setzen sich vor allem vier Nachbarfamilien ein, die Ws., Ms., Ss. und die Bs. Aber nur die Nachbarn W. und M. konnten mehrfach gerichtlich gegen den Kindergarten vorgehen. Ihre Grundstücke grenzen direkt an den Kindergarten, daher haben auch nur sie Klagerecht.

Seit 1999 lag der Fall beim Hamburger Landgericht. Im Urteil vom 8. August 2005 heißt es, daß der Kindergarten schließen müsse, weil die Lärmbelastung durch den Kindergartenbetrieb und durch die Kinder für die Nachbarn zu groß sei. Nach einem ersten Artikel über das Urteil war es auf einmal vorbei mit der Beschaulichkeit in der Sackgasse. Es kamen Politiker im Wahlkampf, Fernsehteams, Sendewagen vom Rundfunk, Reporter und Fotografen. Es drang an die Öffentlichkeit, was seit Jahren als Nachbarschaftsstreit schwelte.

Doch wie kam es zur Eskalation? So weit, daß die Parteien aufgehört haben miteinander zu reden - bis zum Prozeß? Alles begann mit einem Mißverständnis. Für die Eröffnung des Kindergartens hatten die Gründer des privaten Elternvereins die Nachbarn W. und M. um Erlaubnis gefragt. Das war 1994. Noch heute, um die Mittagszeit, regt sich Kläger Klaus M. am meisten darüber auf. "Die haben uns erzählt, die Zahl der Kinder würde 20 nicht überschreiten. Später waren es doppelt soviel. Das ist Betrug," sonst hätte er ja niemals seine Zustimmung gegeben. Der Vorstand des Kindergartens meint hingegen, daß von Anfang an 40 ausgemacht gewesen seien. Anja Matthies: "Darüber haben wir auch die Genehmigung vom Bezirksamt." Die Nachbarn fühlten sich betrogen und der Kindergarten im Recht. Bis heute. Beim Kindergarten spricht man von den "Kinderfeindlichen", und die Nachbarn regen sich über die "Arroganz" der Eltern auf. An diesem Herbsttag sind 30 Kinder da, Englischunterricht steht auf dem Wochenplan der Drei- bis Sechsjährigen. Sie spielen im Garten. Ein Junge tritt mit dem Fuß auf die stachelige, grüne Haut einer Kastanie. Auf seiner Jeans steht: "Kids and friends".

Das Grundstück von den Ms. grenzt auf der linken Seite an den Kindergarten und vorn an die laute Rennbahnstraße, auf der täglich 40 000 Autos fahren. "Das ist schon schlimm genug. Aber wenn die Kinder im Garten spielen, ist das, als ob die bei uns im Wohnzimmer stehen und schreien", sagt Klaus M. Er hat müde Augen. Vorn hätten sie ja Isolierfenster, wegen der Autos. Aber nicht an der Seite, das sei zu teuer. Er müsse weg und sagt noch, "das war alles zuviel in den letzten Wochen".

Auch Gerd Bülow ist es zu laut. Sein Haus steht gegenüber vom Kindergarten. Die Rennbahnstraße, dagegen könne man nichts machen. Aber der Kindergarten, das gehe wirklich nicht. "Die Autos der Eltern verstellen den ganzen Wendehammer," sagt er. Er sitzt in einem waldgrünen Ledersessel und seine Frau Ingrid auf der dazu passenden Dreisitzer-Couch. Vom Fenster aus kann man das Geschehen im Kindergarten gut beobachten. In ihrem Wohnzimmer erzählen drei Wiesengemälde davon, daß die beiden Rentner die Natur und die Ruhe lieben. Beide sind 71 Jahre alt.

Die Nachbarn W. und M. könnten sie wirklich gut verstehen. Im hinteren Teil des hellen Zimmers tickt eine Standuhr aus dunklem Holz. Ihr Heim, das lieben sie. "Aber was ist, wenn wir mal nicht mehr so können, wir das Haus verkaufen müssen?" sagt Ingrid Bülow. Ein Immobilien-experte hat ihnen gesagt, daß durch den Kindergarten der Wert ihres Hauses um ein Drittel gemindert sei. "Wir sind kinderfreundlich, wie alle hier. Darum geht es gar nicht", sagt Gerd Bülow. Aber so eine Wertminderung müsse man auch bedenken. Manchmal fahren beide weg, verlassen das Haus, in dem Ingrid Bülow schon seit 1939 lebt. Ein Foto auf ihrer Anrichte zeigt das Ehepaar in Shorts auf einem Kai in Südafrika.

Rechts neben ihnen wohnt der Nachbar S. Er war Architekt, ist über 70. Bei der zuständigen Polizeiwache 37 kennt man ihn. Mehrmals hat er sich dort schon über den Kindergarten beschwert. Vor acht Jahren hat er sogar seinen Nachbarjungen Lorenzo Weck (12) angezeigt, ein Haus weiter. Damals war Lorenzo vier Jahre alt. S. fühlte sich von seinem "lauten Organ" gestört. In dem Schreiben der Polizei an die Eltern hieß es: "Ruhestörung durch Ihren Sohn und dessen Freunde beim Spielen am/im Planschbecken in Ihrem Garten." Lorenzos Vater, Roberto Weck (57), ist Designer, er arbeitet zu Hause, ihn stört der Kindergarten nicht. "Wo soll ein Kindergarten stehen, wenn nicht in einem Wohngebiet?"

Seit Wochen suchen die Beteiligten nun einen Kompromiß. Bezirksamtsleiter Gerhard Fuchs hatte sich als Mediator eingeschaltet, seine Aufgabe aber für beendet erklärt. Die Verhandlungen zwischen den Rechtsanwälten gehen hin und her, die Fronten zwischen den Parteien verhärten sich wieder, die Unterschiede scheinen zu groß.

Es ist nach Mittag. Alle Kinder werden abgeholt. Dann ist es still in der "Villa Kunterbunt" und am Nöpps. Nur Nachbar S. parkt seinen grauen BMW um, in Fahrtrichtung.