Verhör mit Psycho-Tricks

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Jan-Eric Lindner

Polizeipräsident will mit unechten Beweisen Druck ausüben

Hamburgs Polizisten sollen bei Verhören künftig Psycho-Tricks anwenden dürfen, um an Geständnisse von Verdächtigen zu kommen. Polizeipräsident Udo Nagel plant, die in den USA gebräuchliche "Reid-Verhörmethode", bei der Verdächtigen angebliche Beweise vorgehalten werden, unter Ermittlern schulen zu lassen. In Bayern, Nagels früherer Wirkungsstätte, wird seit zwei Jahren nach der 1947 von einem Polizisten entwickelten Psycho-Methode gearbeitet. Bei der Reid-Methode denken sich Ermittler unter anderem auf den Fall abgestimmte angebliche Beweise oder Zeugenaussagen aus, die den vermeintlichen Tätern im Verhör präsentiert werden. Einem mutmaßlichen Brandstifter wurde mitgeteilt, es gäbe Satellitenfotos vom Tatort: Darauf sei der Feuerteufel gestochen scharf zu sehen. Einbrechern wird vorgegaukelt, es gäbe eine Infrarottechnik, die es möglich mache, auch dann Fingerabdrücke festzustellen, wenn bei der Tat Handschuhe getragen wurden. In der Folge wird dem Verdächtigen nahe gelegt, doch das "kleinere Übel" zu wählen und nicht alles noch schlimmer zu machen. Die Tat, so suggeriert der Polizist, müsse doch wohl ein Ausrutscher gewesen sein. Auch die aus Krimis bekannte "Good-guy-bad-guy-Methode", bei der ein Beamter den Kumpel, der andere den Bösewicht spielt, ist Teil der US-Technik. Unter Kriminologen ist die Reid-Methode umstritten. Laut Strafprozessordnung ist die Täuschung Beschuldigter verboten. Die Reid-Methode, so sagt Joachim Lenders, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, bewege sich in der Grauzone: "Wenn angebliche Sachbeweise ins Feld geführt werden, ist das noch vertretbar. Doch wenn ein Verdächtiger durch falsche Augenzeugen so stark in die Defensive gedrängt wird, dass er sich zum Geständnis gezwungen sieht, geht das zu weit." Die Beamten müssten, so Lenders, auf jeden Fall umfassend geschult werden. Manfred Mahr, innenpolitischer Sprecher der GAL, hält die Psycho-Verhöre für gefährlich: "Die Polizei sollte mit offenem Visier arbeiten."

( jel )

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