Kinderdramen hinter Wohnungstüren

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Karsten Broockmann und Claudia Sewig

Verwahrlosung: Müll statt Spielsachen, Kot an den Wänden, Unterernährung: Eine Sozialarbeiterin gibt im Abendblatt einen erschütternden Einblick in das, was sich in Hamburger Familien abspielt - in der Stadt, die die meisten Millionäre Deutschlands hat.

Hamburg. Kinder, die in Verschlägen hausen wie Tiere. Die auf Müllbergen in der elterlichen Wohnung leben müssen. Angehörige, die wegsehen, wenn ein Junge oder Mädchen sexuell mißbraucht wird. Geschwisterpaare, deren einzige Spielmöglichkeit darin besteht, das Gummi vom Teppichboden abzunagen, weil es in ihrem kargen Kinderzimmer keine Puppe, kein Modellauto oder irgendein anderes Spielzeug gibt.

Was die Sozialpädagogin Claudia W. (43/Name ist der Redaktion bekannt), die seit zwölf Jahren in einem sozialen Brennpunkt in Hamburg-Mitte arbeitet, im Abendblatt schildert, sprengt jede Vorstellungskraft. So erzählt sie von einem Fünfjährigen, dem erst mühsam beigebracht werden mußte, am Tisch zu essen. Um zu überleben, hatte das Kind die längste Zeit seines Lebens aus dem Hundenapf gegessen, weil die Eltern wenigstens das Tier gut versorgten.

Ein Schicksal, das an Jessica erinnert. Das siebenjährige Mädchen war, nachdem es jahrelang von den Eltern in einem abgedunkelten Zimmer gehalten worden war - ohne Heizung, ohne Spielsachen und ohne ausreichende Nahrung -, Anfang März völlig abgemagert an seinem Erbrochenen erstickt. Von heute an soll ein Sonderausschuß aus Politikern, Behördenmitarbeitern und Polizisten Licht ins furchtbare Dunkel der Kindesvernachlässigungen bringen.

Claudia W.s Schilderungen lassen befürchten, daß der Fall Jessica nur einer von vielen ist, die sich unbemerkt hinter Hamburger Wohnungstüren abspielen - in einer Stadt, die zu den reichsten Metropolen Europas zählt und die die größte Dichte an Einkommens-Millionären in Deutschland hat.

"Das Kind thronte auf einem Müllberg", heißt es im Polizeibericht zu einem anderen Fall, der von Claudia W. betreut wurde. "Der Vater hatte uns geschrieben, bei der Mutter seines Kindes sei es total verdreckt. Ein paar Tage später stellte sich die Frau hier vor. Sehr sauber. Sehr nett. Sie zeigte Fotos vom Zuhause. Es war alles sehr ordentlich, ich wollte es aber trotzdem sehen", sagt Claudia W., nach deren Erinnerung die Frau fünf Termine platzen ließ, ehe sie sie in die Wohnung ließ.

"Der Flur war zugestellt, der Gang nur noch 50 Zentimeter breit. Aber es war sauber. Trotzdem dauerte es ein Jahr, bis dort aufgeräumt war. Ein halbes Jahr später beschwerten sich dann Nachbarn über Gestank: Müll und Windeln. Im Kinderzimmer lagen die Sachen 1,50 Meter hoch. Und die Küchentür hätte ich nicht gefunden, wenn ich nicht gewußt hätte, wo sie ist", sagt sie.

Ein anderes Mal stand die 43jährige zwei lange Stunden einer Frau gegenüber, die sich im Stile einer Shaolin-Kämpferin bewegte - immer in Sorge, der psychisch Kranken könnte das Kleinkind entgleiten, das diese während der ganzen Zeit im Arm hielt. Schließlich kamen die dunkel gekleideten Männer des sogenannten Zuführdienstes, um die Frau in die Psychiatrie nach Ochsenzoll zu bringen.

"Es gibt Tage, da dreht sich einem der Magen um", bestätigt Jens R. (46), seit 18 Jahren Sozialarbeiter am Hamburger Stadtrand. Und: "Es werden immer mehr und immer heftigere Fälle." In einer der Familien, die er betreut, seien an der Kinderzimmertür Riegel angebracht gewesen, wie man sie bei Kaninchenställen verwendet. Bei jeder Gelegenheit wurden die Kinder in den Raum gesperrt, in dem nur ein paar alte Matratzen lagen. "Die Wände waren kotverschmiert, die Elektroleitungen unter dem Putz waren mit den Fingernägeln freigekratzt worden, weil die Kinder sich mit irgendwas beschäftigen mußten", erinnert sich Jens R.

Doch sein Versuch, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen, scheiterte vor Gericht. Begründung des Richters: Die Familie sei ja zur Zusammenarbeit mit den Sozialen Diensten bereit. Inzwischen ist zumindest eines der sechs Kinder auf die schiefe Bahn geraten. "Der Junge ist verstärkt kriminell, klaut und zündet alles an, was er finden kann." Ein Keller, der Hausflur und ein Zimmer der elterlichen Wohnung hätten bereits gebrannt. Der Junge ist acht Jahre alt, kann kaum sprechen und muß jetzt aus der ersten Klasse an eine Förderschule versetzt werden.

Fast immer liegen die Ursachen für Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern in psychischen Erkrankungen, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit der Eltern, Gewalt oder sexuellem Mißbrauch. "Von uns wird dann erwartet, daß wir das Kind in Ordnung bringen, ohne daß die Eltern etwas dafür tun wollen", sagt Marie-Christine Hoppe (54), Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes St. Pauli, Finkenwerder, Alt- und Neustadt. Häufig würden diese gar nicht erkennen, daß das Problem bei ihnen liegt.

Schlimm sei, daß auch bei amtsbekannten Familien mit jedem neuen Kind wieder von vorn angefangen werden müsse. "Selbst wenn schon mehrere Geschwister in Pflegefamilien untergebracht wurden, kann das Neugeborene nicht einfach aus der Familie genommen werden. Die Familie erhält jedesmal eine neue Chance", sagt Hoppe.

"Für das Kind ist das oft verschenkte Zeit", sagt Claudia W., die als Sozialpädagogin neben der Verantwortung für das Kind auch die Verantwortung dafür trägt, ob sie einer Familie professionelle Hilfe zur Seite stellt. Denn die kostet Geld. Und der Geldmangel ist groß. So groß, daß Behördenleitungen schon versucht haben, Kollegen, die angeblich zu teure Maßnahmen angeordnet hatten, in Regreß zu nehmen.

Außerdem wird das Personal der Allgemeinen Sozialen Dienste in vielen Bezirken weiter reduziert. Sozialarbeiter müssen häufig noch Sekretärinnenaufgaben übernehmen, weil Geschäftszimmer nicht besetzt sind. Doch wenn etwas passiert, stehen sie mit einem Bein im Gefängnis; eine einzige Fehlentscheidung kann jeden von ihnen vor Gericht bringen. Der Druck ist enorm, denn jeder Sozialarbeiter betreut 60 oder noch mehr Familien. So waren es auch die Jugendamtsmitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste, die nach dem qualvollen Hungertod von Jessica sofort in die Kritik gerieten. Im nachhinein scheint es, als hätte der Tod des kleinen Mädchens ganz leicht verhindert werden können.

Doch in der Realität sind den Männern und Frauen der Sozialen Dienste nur allzuoft die Hände gebunden. Oft wissen sie nicht einmal, daß da ein Kind vernachlässigt oder mißhandelt wird, weil es nicht gemeldet ist und der Datenaustausch unter den Behörden, wie in diesem Fall, nur unzureichend ist.

"Man nimmt die Sorgen oft mit ins Wochenende. Manchmal hat man Angst - dann zum Beispiel, wenn man selbst ein Kind aus einer Familie genommen hätte, ein Gericht aber anders entschieden hat", sagt Claudia W. Ohne ihren Idealismus ließe sich ihre Arbeit kaum leisten. Trotz knapper Personaldecke und Kostendrucks gehen die Mitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste immer sofort und zu zweit raus, wenn eine sogenannte Kindeswohlgefährdung vorliegt. "Dann bleibt alles andere liegen", sagt Marie-Christine Hoppe.

In ihrer Dienststelle gibt es eine Prioritätenliste, auf der akute Gefährdungen von Säuglingen oben stehen. "Ganz hinten rangieren Elternscheidungen. Leider, denn in dieser Zeit fangen viele schlimme Biographien von Kindern an. Man könnte Folgeprobleme vermeiden, wenn zwischen den streitenden Eltern vermittelt würde. Aber dafür fehlt das Geld", sagt Hoppe, nach deren Ansicht es unmöglich ist, dafür zu sorgen, daß alle Kinder sicher aufwachsen. "Dann hätten wir einen Überwachungsstaat. Und das will wohl niemand. Viel Leid könnte aber vermieden werden, wenn Menschen, die von Kindern in Schwierigkeiten wissen, sich an uns wenden. Der größte Schutz ist es, wenn Nachbarn, Freunde, Verwandte, Schulen und Kindergärten sich kümmern", sagt sie. Und: "Niemand der bei den Sozialen Diensten anruft, muß seinen Namen nennen."

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