Gerkan - der Architektur-Nomade

Star-Architekt: Meinhard von Gerkan realisiert in China und den Vereinigten Arabischen Emiraten riesige Bauprojekte

Verwaschenes schwarzes Hemd, beige Stoffhose, braune Lederslipper, dazu der passende Gürtel über einem kleinen, sympathischen Bäuchlein - Meinhard von Gerkan (69) entspricht vielleicht erst auf den zweiten Blick dem Bild des Star-Architekten. Sein Büro an der Elbchaussee erfüllt die Erwartungen sofort: Stühle und Tische sind von Designer Charles Eames, an den Wänden stehen Designer-Regale.

"Die sind sehr teuer, halten dafür aber ein Leben lang", sagt von Gerkan. Qualität ist ihm wichtig. Das gilt für seine Bauten wie für den importierten grünen Tee, den der Architekt gern in Besprechungen statt Kaffee trinkt. "Das habe ich von den Chinesen gelernt", sagt er.

Die Chinesen lernen von dem Architektenbüro Gerkan, Marg und Partner (gmp) im Gegenzug, wie man riesige Türme, Regierungsgebäude und ganze Städte baut. Mit eigenen Büros in Peking und Shanghai sind die Hamburger an 33 Projekten im ganzen Land beteiligt. Sie planen etwa das Chinesische Nationalmuseum (Investitionsvolumen 280 Millionen Euro) in Peking und die Stadt Luchao bei Shanghai. In der komplett am Reißbrett entworfenen Stadt sollen im Jahr 2006 bereits 80 000 Menschen leben.

Allein im vergangenen Jahr war von Gerkan 14-mal in China. Kürzlich begleitete er die Delegation von Bürgermeister Ole von Beust ins Reich der Mitte, sein neunter Besuch in diesem Jahr. Auch in der Wüstenstadt Dubai/VAE muss er sich regelmäßig blicken lassen. Dort konzipiert gmp "Dubai Sports City", vier gigantische Stadien und ein Einkaufszentrum auf 4,6 Millionen Quadratmetern.

Ein Architektur-Nomade seit fast 40 Jahren. Wie viel Bonusmeilen er inzwischen eingeflogen hat? Von Gerkan zuckt nur mit den Schultern. Er sieht den Beruf nicht als Anstrengung. Sein Alter ist für ihn erst recht kein Grund, weniger zu arbeiten. Auch wenn seine Frau Sabine (40) darüber nicht unglücklich wäre.

"Wenn es zwischen uns Reibungen gibt, dann wegen meines beruflichen Engagements. Ich bin ein unruhiger Geist, sitze nicht gern untätig rum", gibt Meinhard von Gerkan zu. Das klingt nicht nach Floskel. Wenn er spricht, tut er das in Sätzen, die schlicht, aber eindringlich sind. Da ist nichts gedrechselt, die Form folgt dem Zweck - wie bei vielen seiner Bauten. Selbstbewusst und routiniert wirkt der weißhaarige Architekt. Nur wenn er von seiner Jugend erzählt, schwingt Melancholie in seiner Stimme mit. Meinhard von Gerkan - eine Biografie mit Brüchen.

In Riga geboren, floh er als Zehnjähriger mit seiner Mutter vor den Russen. Noch vor der Kapitulation war von Gerkan Waisenkind. In drei Pflegefamilien wuchs er auf, wechselte zwölfmal die Schule. An einer Hamburger Rudolf-Steiner-Schule rasselte er durchs Abi. "Jetzt nicht aufgeben", beschwor er sich damals. In Abendkursen holte er das Abitur nach, jobbte nebenbei im Zimmertheater als Beleuchter.

Schließlich begann er Physik zu studieren, wechselte aber auf Rat seines damaligen Studienfreundes und des heutigen Innenministers Otto Schily (SPD) zum Fach Jura. Erst später in Berlin, an der Technischen Universität, fand er zu seiner Bestimmung und studierte Architektur. Mit seinem bis heute besten Freund Volkwin Marg machte er sich 1965 selbstständig.

In Anbetracht seines Werdegangs und Erfolgs über Europas Grenzen hinaus, kann er sich Sätze wie "in Deutschland herrscht ein elitefeindliches Bildungssystem" oder "es gibt zu viele Architekten, die weder Begabung noch die richtige Qualifikation mitbringen" leisten. Ein guter Architekt ist laut von Gerkan "ein Künstler, der gleichzeitig den sozialen Zusammenhang, in dem sein Entwurf steht, erkennt".

Merkmale für die Architektur von Gerkans sind Stahl, Glas und klare Formen. "Hauptsache nicht spießig", sagt er. Gemütlichkeit enge ihn ein, erkärt der Vater von drei Söhnen und drei Töchtern. Sein Wohnhaus an der Elbchaussee nennt er liebevoll "Kartoffelkiste". Und wenn die Familie Zeit vom Papa einfordert, geht es ins selbst gebaute Reetdachhaus nach Heiligenhafen. Oder im Winter zum Skifahren. "Draußen Schnee, drinnen Kaminfeuer."

Das klingt keineswegs spießig. Aber irgendwie gemütlich.