Einsatz für die Versöhnung

Schirmherr: Ex-US-Konsul John A. Brogan erinnert an die Gefallenen einer fast vergessenen Kriegsschlacht.

John A. Brogan (80), US-Generalkonsul in Hamburg von 1972 bis 1976, hatte in seinen 34 Dienstjahren als Diplomat viele politische Missionen zu erfüllen. Die Mission aber, zu der er demnächst von seiner Wohnung an der Alster, in der er seit 20 Ruhestandsjahren mit Ehefrau Edith lebt, aufbrechen wird, ist eine Mission der Herzen:

John A. Brogan, als junger Soldat nach der Invasion 1944 und 1945 in Frankreich und Deutschland eingesetzt, ist Schirmherr einer Veranstaltung, die 60 Jahre danach Überlebende und Angehörige der 70 000 Toten einer "vergessenen Schlacht" im Hürtgenwald bei Aachen zusammenführen wird. "Es geht nicht um eine Zeremonie, es geht um pure Menschlichkeit. Und es geht um eine Schlacht wie keine andere", sagt Brogan und zählt erschütternde Tatbestände auf:

Dass nur wenige Deutsche diesen 35 Kilometer langen und 15 Kilometer breiten Waldstreifen in der Nordeifel kennen, in dem binnen vier Monaten, von September bis Dezember 1944, 15 000 Deutsche, aber 55 000 Amerikaner gefallen seien - so viele wie im ganzen Vietnamkrieg.

Dass in den Generalstabslehrgängen der US-Armee dieses "Verdun in der Eifel" als "größtes Desaster der amerikanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg" behandelt werde.

Dass der Nobelpreisträger Ernest Hemingway, als Frontberichterstatter und als Verfasser des bekannten Romans "Über den Fluss und in die Wälder", geschildert habe, wie hochnäsige Generale "stur wie Maultiere immer mehr GI's in diese Hölle führen, bis man schwer verwundet oder getötet oder verrückt wird".

"Der wahre Held dieser grauenhaften Wald- und Nahkämpfe aber war ein Deutscher", sagt Brogan. "Es war der Militärarzt Dr. Günter Stüttgen, der in den USA gefeiert wird, während ihn in Deutschland keiner kennt. Stüttgen hatte das ,Wunder vom Hürtgenwald' vollbracht: Er handelte in eigener Verantwortung drei mehrstündige Waffenstillstände aus, durch die Hunderte Verwundete durch die Kampflinien hindurch behandelt, verpflegt, ausgetauscht werden konnten. Stüttgen betrieb seinen Sanitätsbunker sogar tagelang mit amerikanischen Sanitätern.

Günter Stüttgen, der nach dem Krieg an der Uniklinik Düsseldorf und am Virchow-Klinikum in Berlin arbeitete, hatte seine Geschichte fast 50 Jahre lang für sich behalten. Schließlich spürten US-Militärhistoriker und Soldaten der 28. US-Infanteriedivision den geheimnisvollen "German doctor", den Feind von einst, auf und ehrten ihn in einer bewegenden Feierstunde. In der Heimat nahm niemand davon Notiz.

Stüttgen kann an der Gedenkwoche "Hürtgen 44" im Oktober nicht mehr teilnehmen. Er ist im vergangenen Jahr gestorben. Aber seine Witwe wird dabei sein, amerikanische und deutsche Überlebende der Schlacht, Angehörige und der ehemalige US-Generalkonsul aus Hamburg, dessen Freunde im Hürtgenwald gekämpft hatten.

"Ich fühle mich für die Verbindung zwischen meinem Heimatland USA und meinem Gastland Deutschland verantwortlich. Wir können aus allem, was vor 60 Jahren geschehen ist, viel lernen", sagt John A. Brogan.

Für den Amerikaner, dessen Familie mütterlicherseits anno 1634 aus Irland nach Nordamerika ausgewandert war und dessen Vorfahr Charles Carroll die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mit unterzeichnet hatte, ist der Atlantik keine Trennlinie: Deshalb lebt er in Hamburg. Deshalb schreibt Tochter Jeanette, die als Gräfin Beissel von Gymnich auf Burg Satzvey im Rheinland wohnt und Ritterspiele organisiert, an einem Werk über das Mittelalter. Deshalb kennt er europäische Geschichte und Literatur, sicher auch den einst berühmten deutschen Dichter Jean Paul, der es ebenfalls gespürt haben muss: "Nichts bewegt den Menschen mehr als der Anblick einer Versöhnung."