Was unser Land bewegt - auf 879 Kilometern

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SIEBEN TAGE Eine Reise von Buxtehude bis Basel auf der Bundesstraße 3. Einsichten und Ansichten im Frühsommer 2004.

Teil 1

Barbara Hardinghaus

Michael Rauhe (Fotos)

Von Buxtehude nach Celle. Etappe eins, 101 Kilometer, 18 Grad an der Bundesstraße 3, der Straße, die Deutschland verbindet. Sie beginnt vor den Toren Hamburgs. Von oben nach unten, von Norden nach Süden. 879 Kilometer entlang an Dörfern, an Ortschaften, durch drei Bundesländer, vorbei an den Menschen, an Schicksalen und Geschichten.

Die Schlagzeilen in diesen Tagen sprechen von lahmender Konjunktur, von fehlender Aufbruchstimmung und von Mangel an Optimismus. Das Land stottert. 879 Kilometer deutsche Befindlichkeiten im Frühsommer 2004. Von Buxtehude nach Basel.

"In Basel soll sie enden, die B3? Gehört haben wir das", sagt Uwe Brühan (41), Kraftfahrer und Vater der Familie, die den Anfang macht, erste Gesichter liefert, lächelnd, gegenüber der Grillstation in Buxtehude-Ovelgönne. "In Freiburg im Süden, da hatten wir Freunde, die lebten auch an der B3", sagt Brühan. Autostunden entfernt. Er schüttelt den Kopf, lächelt wieder und sagt: "Das ist schon was mit dieser Straße."

Wegen ihr hat die Familie die Auffahrt verlegt. Jetzt können sie bei den Nachbarn über den Hof, um in den Ortskern von Buxtehude zu kommen, ohne immer über die B3 zu müssen. "Hier ist oft Stau", sagt Brühan. Seit 13 Jahren leben sie in dem weiß verputzten Haus mit der blauen Markise und Lennards (4) Trecker davor an der Soltauer Chaussee 2. Lärm hören sie keinen mehr von der B3. Mittlerweile nicht mehr.

Es ist Sonntag und Sommer und die Straße voll von Motorradfahrern, die unter den grünen Alleen in jede Richtung schießen. Bei Kilometer vier kommt die erste Tankstelle, bei 5,7 der erste Autohändler, nach Kilometer zehn wird es schön grün, Weizen und Rüben auf den Feldern, bei Kilometer 26 der erste Unfall. Eine Kollision an der Kreuzung.

"In Frieden ruhen?", fragt Ingrid Schröder (72). Im Örtchen Welle steht sie auf dem Friedhof am Grab ihrer Eltern Willi und Else, und denkt an sie und anderes. "Welle ist nicht besonders schön, ein typisches Straßendorf", findet sie. Und sie sagt , dass dort am Wochenende alles gebürstet, gestriegelt und geharkt werde, "auch Muster in die Wege". Typisch deutsch eben. So richtig gerne erzählt Frau Schröder von der Sportanlage im Dorf. Ein riesiger Platz sei das, mit Flutlicht. "Da staunt sogar die Großstadt."

Weiter geht es auf der Allee, durch Grün, über den Asphalt, in der Mitte weiß geteilt. Manchmal, für eine, vielleicht zwei Sekunden ist die Straße mal leer. Nichts. Nur der eigene Untersatz. Romantik fast, eben Ruhe und Stille bis der Opel Omega überholt. Grau ist er und mit Lörracher Kennzeichen, LÖ. Vielleicht fährt er nach Hause. Über die B3? Es wäre fast bis an das Ende.

Dann die Heide. Dort, wo Gartenzwerge, Bambis und gelackte Hunde aus Fiberglas am Straßenrand ruhen, ist Heidschnuckengulasch die Spezialität, bei Michael Mroczko (33), Pächter vom "Alten Zollhaus" in Wintermoor bei Schneverdingen. Ein normaler Typ ist er, Jeans, T-Shirt, mit einer Freundlichkeit, die nicht so richtig will. "Seit dem wir das Zollhaus vom Imbiss zum Gasthof umgebaut haben, läuft es." Er blickt zur Terrasse. Sie ist leer an diesem Sonntagnachmittag. In den Nachrichten ist gerade die Meldung gelaufen, dass es 20 Prozent mehr Privatinsolvenzen gegeben hat. Davon hat Mroczko auch gehört und macht sich Mut.

"Aber die Figuren, die laufen", sagt er und findet, es sei wichtig zu sagen, dass sie aus Hamburg sind und nicht aus Polen. "Besonders die Holländer sind heiß auf die Figuren, auf die Zwerge." Und sowieso: Nur Touristen greifen zu, für 15 bis 50 Euro pro Stück. Wie viele er im Monat verkauft, will er nicht sagen. Nur so viel: Sogar wetterbeständig seien sie, und deshalb blieben die Ausstellungsstücke dort, wo sie jetzt sind. Im Gras an der B3. Ständige Beobachter. Morgens und abends werden sie gezählt, später sitzt Mroczko am Tresen von Wintermoor und wartet auf Kundschaft, und auf bessere Zeiten.

Für den kleinen Herrn Lechner waren sie nie schlecht. Das zumindest erzählen seine Geschichten. "Da haben sie Glück, dass sie mich treffen", sagt er. Eigentlich sei er aus Frankfurt. Das Alte Zollhaus habe er mal gekauft, "aus königlichem Besitz", deshalb sei er "zugegen" - und geht Herrn Mroczko auf die Nerven mit seiner guten Laune.

"Stararchitekt bin ich gewesen", erzählt Lechner. Ein Beruf, der ihn erst zum reichen Mann und dann zum Baron zu Romkerhall machte. Vor zehn Jahren hat er sich den Titel gekauft. Sein bürgerlicher Name: Walter Lechner. In Tracht, mit Hut, lackierten Absatzschuhen und trotzdem nicht größer als 1,60 Meter, sitzt er vor dem Zollhaus und schildert malerisch, wie er damals das "Königreich im Okertal im Oberharz" kaufte. Dahin lockt er heute Touristen. Die königliche Kutsche dort hat er eigens entworfen. Staatskarosse aus eigener Feder.

"Ja, und das Alte Zollhaus ist auch meins." Aber das sagte er bereits. Direkt hinter dem Haus, im Garten, befindet sich ein Schlösschen, weiß, mit kleinen Türmchen und Fenstern, lieblich umwachsen. Das sei auch seins. Er habe es herrichten lassen, "nur vom Feinsten", sagt er. Im Vorgarten lagern Skulpturen und Stühle und eine Hollywoodschaukel, alles bemoost, und irgendwie sieht es aus, als sei an diesem Stück B3 mal eine Bombe eingeschlagen. "Die Gegenstände sind alle gekauft aus der Königin ihr Haus", sagt Walter Lechner. "Das ist zwar schlechtes Deutsch, klingt aber trotzdem ziemlich stolz. Und mit der Königin meint er die Prinzessin Erina von Sachsen, Herzogin zu Sachsen, Königin zu Romkerhall. "Nach dem Tod ihres Mannes musste die flüssig werden", sagt der Baron. Also habe er er ihr einiges abgekauft, auch den Titel. Über dem Sofa hängt ein Bild vom Schloss in Wolfenbüttel, draußen liegen Bierflaschen und Kippen in Blumenkübeln und Vasen aus Stein.

Nach diesem unwirklichen Baron wirkt die B3 wie eine idyllische Oase. Es geht weiter, vorbei an Kilometer 50, wo pinkfarbene Wildrosen die Hauptstraße von Soltau säumen, die B3. Später unterquert sie die A 7, die voll ist. Staumeldungen. Nicht für die Bundesstraße, der Himmel wird blau. Das erste Mal. Blau über Grün. Kurz vor Bergen-Belsen dann eine Kriegsgräberstätte. 2401 Gefallene, vor allem Soldaten, Luftwaffenangehörige, vor allem Briten, neunzehn, zwanzig, vielleicht 24 Jahre, als sie starben. Wie sie damals in den Krieg zogen, liegen sie heute nebeneinander, uniformiert, Stein an Stein. Ein Stückchen weiter ist die Gedenkstätte für das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort liegen 70 000 Tote, nicht in Reihen, sondern in Massengräbern. Die Abendsonne leuchtet, die Motoren rauschen vorüber und Familien mit Wohnwagen.

Die Ziffer Drei wird zum ständigen Begleiter. Mal Schwarz auf Gelb, mal Schwarz auf Weiß wie zu Beginn bei den Brühans, 0,0 dort. Bei 76,5 steigt an der Oertze Grillqualm auf. Nackensteaks und Würstchen. Der Tag ist schön geworden, an dem Jonas Rohde (10) seinen Geburtstag feiert. Eine Paddeltour mit Freunden hat er gemacht. Wie jetzt alle am Steg sitzen, ist wie aus der Werbung. Kulisse ausgeleuchtet, Requisiten platziert, muntere Kinderköpfe mit Fanta und Ketchup und Chips am Fuße des Naturparks Parkplatz Wolthausen. 25 Kilometer bis Celle. Dann ist sie erreicht, die Residenzstadt, umgeben von Fichten, Schwarzerlen, Weiden und Eschen, ja, königlich.

Morgen: Von Celle nach Göttingen - Menschen im Imbiss, Menschen bei der Arbeit.

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