Der etwas andere Kurt Groenewold

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Anika Riegert

Immobilien: Heute verwaltet der ehemalige Terroristen-Anwalt das Erbe seiner Familie.

Kurt Groenewold (66) ist ein Gegenüber, bei dem Konzentration und Wachsamkeit geboten sind. Denn der unorthodoxe Rechtsanwalt, zielstrebige Immobilienunternehmer und intellektuelle Verleger bringt einen aus dem Konzept, ohne dass man es auf Anhieb merkt. Schlau gestellte Fragen, die ihm unangenehm sind, weiß der Hanseat geschickt zu umschiffen. Schlecht gestellte Fragen entlarvt er mit einem feinen Lächeln - und manchmal bleibt er eine Antwort auch einfach schuldig.

Der Mann mit dem wirr abstehenden Haarkranz, den klugen Augen und dem um einige Nummern zu groß geratenen Anzug ist ein Profi, wenn es darum geht, sprachlich zu brillieren und andere von seiner Meinung zu überzeugen: "Ich bin ein Idealist und habe immer versucht, zu einer Veränderung des Denkens beizutragen." Rückblickend sei ihm dies auch gelungen, sagt Groenewold, den die Presse in den Siebzigerjahren wenig schmeichelhaft als "Terroranwalt" bezeichnete.

Damals trat Groenewold als Verteidiger im Stammheimer Verfahren gegen Mitglieder der Roten Armee Fraktion an. Unter den Mandanten waren Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin. Selbst ins Kreuzfeuer geriet Groenewold durch das von ihm organisierte "Info-System", ein schriftlicher Kommunikationsdienst der RAF-Anwälte für ihre Mandanten zum Austausch von Ideologien, Streikvorhaben und Waffentechnik. Wegen "Unterstützung einer kriminellen Vereinigung" wurde Groenewold 1978 zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung und 75 000 Mark Geldbuße verurteilt. "Ein "ungerechter Kompromiss", wie er sagt.

Die Zeit als Anwalt der Linksextremen bezeichnet er jedoch als "positiven Teil meiner Geschichte". Vielleicht auch deshalb, weil sie seinem Ruf eher nützte als schadete und er in finanzieller Hinsicht nie wirklich Grund zur Sorge hatte. "Ein Sozialist mit Kapital", titelte einst eine Hamburger Tageszeitung und verwies damit auf das Groenewold-Erbe.

Mehr als 4000 Mietwohnungen allein in Hamburg sollen der Erbengemeinschaft gehören. An ihrer Spitze steht Kurt Groenewold. Hinzu kommt die Firma Aurelius Immobilien AG, die gerade das Silo am Schellerdamm im Harburger Hafen saniert hat. Rund 25 Millionen Euro Investitionsvolumen für ein modernes Businesscenter. Der alte Getreidespeicher aus den 30er-Jahren wurde auf 14 Etagen aufgestockt.

Sein Rüstzeug erwarb Kurt Groenewold in der Immobilien- Firma seines Vaters Friedrich in Eimsbüttel. Neben der Arbeit dort absolvierte er nach nur sechs Semestern sein Jura-Examen. In der raren Freizeit beschäftigte er sich mit politischer Literatur und nahm Gesangsstunden.

Trotz Spagat zwischen Gerichtsverhandlung und Richtfest heiratete er zügig seine erste Ehefrau Gisela und bekam mit ihr Tochter Charlotte (43) und Sohn Cornelius (41). "Eigentlich wollte ich zwölf Kinder, doch zwei waren dann turbulent genug", sagt Groenewold, der mittlerweile Großvater eines Enkelkindes ist.

In Kontakt mit der politischen Szene kam er über seine Schwester Gisela. Die war mit dem Kabarettisten und Polit-Satiriker Wolfgang Neuss befreundet. Durch ihn fühlte sich Kurt Groenewold animiert "Anwalt der jungen und intellektuellen Leute" zu werden.

Die Vorliebe für Literatur und politische Ideengeschichten wurden für Kurt Groenewold zu einer Art Mission. Sein finanzieller Hintergrund erlaubte es ihm, die "Europäische Verlagsanstalt" zu erwerben, später den "Rotbuch Verlag" und "Die Hanse". Heute firmieren die Verlage unter dem Namen "Sabine Groenewold Verlage".

Mit seiner jetzigen Ehefrau Sabine lebt Kurt Groenewold in einer schönen Villa, direkt am Weiher im Heußweg. "Weißes Einzelhaus am Wasser", so beschreibt es Groenewold. Er mag es lieber etwas leise, zurückhaltend - eben hanseatisch. Dass er zur Entspannung Schubert-, Mozart- oder Beethovenstücke spielt und dazu singt, verrät er erst nach mehrmaligem Nachhaken. Über Privates spricht er ungern.

"In erster Linie habe ich mich immer als Anwalt gefühlt, auf der Suche nach dem, was Recht ist", sagt er ohne Übergang und lächelt fein. So einfach lässt sich Kurt Groenewold nicht aus dem Konzept bringen, soll das wohl heißen.

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