Jens Iska-Holtz und das Geheimnis der Forsythien-Blüte

Hamburgs Frühling beginnt an der Lombardsbrücke. Denn wenn an der Ecke Neuer Jungfernstieg die Forsythien blühen, hat der Winter sich endgültig verabschiedet. Und auch Jens Iska-Holtz (64) kann dann nicht weit sein. Mit einem Strauß des Ölblattgewächses erscheint der Kaufmann wenig später in der Redaktion des Hamburger Abendblattes - seit genau 20 Jahren immer am ersten Frühlingstag.

Gestern war wieder so ein Tag. Im 60. Jahr der Aufzeichnungen öffnete die Forsythia ihre Blütenkelche erst zum zweiten Mal an einem 18. März. Das lässt zumindest vom Datum her einen sehr durchschnittlichen Frühling erwarten. Denn der früheste Aufblühtermin der Pflanze seit dem Frühjahr 1945 war der 15. Februar 2002, während die Sträucher 1970 erst am 25. April erblühten. Damals wurde der Forsythien-Kalender noch von Carl Wendorf geführt.

Als Obergefreiter war Wendorf am 27. März 1945 auf dem Weg durch die Trümmer zum Hauptbahnhof unterwegs. Fünfmal hatte es Fliegeralarm gegeben, und der Zweite Weltkrieg war längst verloren, als er inmitten der Trümmer etwas leuchtend Gelbes bemerkte. Es waren die Blüten der Forsythiensträucher an der Südseite des Bahndammes zur Binnenalster, die den letzten Kriegsfrühling ankündigten. Von da an war der Textilkaufmann jedes Jahr zur Stelle, wenn die Sträucher erblühten.

Es war die Erinnerung an einen glücklichen Moment in einer unglücklichen Zeit. Aber es war ein persönlicher Moment und so schien es, dass der Forsythienkalender mit dem Tod Wendorfs im Februar 1984 enden würde. Doch als die Sträucher in dem Jahr zu blühen begannen, hatte Jens Iska-Holtz, ein Freund des Verstorbenen, längst beschlossen, den Kalender weiterzuführen.

Seitdem besucht Iska-Holtz die Sträucher täglich, sobald es wärmer wird. Denn Regeln für den Frühlingsanfang gibt es nicht. Allerdings begann die Blüte in den letzten 20 Jahren durchschnittlich sechs Tage früher als zur Mitte des letzten Jahrhunderts. Rekordhalter in den Aufzeichnungen aus 60 Jahren ist der 17. April (viermal), gefolgt vom 10. und 25. März sowie dem 20. April, die dreimal im Forsythienkalender verzeichnet sind.