Krebs - ihr Schicksal macht Mut

Initiative: Erst besiegte Christiane Dierks die Krankheit. Jetzt will sie mit anderen Brustkrebs-Patientinnen den 7000 Meter hohen Mount Aconcagua in Argentinien besteigen.

Als sie an diesem Morgen im Januar ins Krankenhaus fuhr, fühlte sie sich schon nicht so gut. Die Nase lief, tropfte, eine Grippe. Das neue Jahrtausend war gerade erst fünf Tage alt, und die Vorsätze dazu waren es auch. Es sollte besser werden. So viel wusste sie. Und es wurde besser, glücklicher. Nur anders, als sie gedacht hatte.

Das hatte dann nämlich nichts mehr mit weniger Zigaretten, weniger Arbeit oder gesundem Essen zu tun. Es war mehr. Und begriffen hatte sie das alles, als sie eine Stunde später im Türrahmen im Behandlungszimmer ihres Arztes stand, ein Gynäkologe. Zu ihm gekommen war sie wegen des Knötchens in der rechten Brust. Verabschiedet wurde sie mit den Sätzen: "Die Mammographie, die machen Sie am besten noch diese Woche." Damit war ihr alles klar.

Vier Jahre später sitzt Christiane Dierks (39) in ihrer Eppendorfer Wohnung. Sie trinkt Milchkaffee, und sie lacht viel. Dass sie mal einen fast 7000 Meter hohen Berg in Argentinien besteigen wird, mit Essen aus Tüten und Campingkram, hätte sie auch niemals gedacht. "Als ich 14 war, war ich zelten mit dem CVJM. Danach hatte ich mir geschworen, das nicht noch mal zu tun", sagt sie. Aber sie tut es noch mal. Mit sechs weiteren Frauen aus Belgien, Dänemark, England, Finnland und Luxemburg besteigt sie im Februar vier Wochen lang den Mount Aconcagua. Und die Frauen haben eines gemein. Sie hatten Brustkrebs, und alle waren sie auch noch niemals bergsteigen.

Christiane Dierks ist die einzige Deutsche. Kennen gelernt haben sich die Frauen über die Initiatorin Katelijne Van Heukelom, eine Radiomoderatorin aus Belgien. Weil sie selbst diese Krankheit hatte, schrieb Van Heukelom Tumorzentren verschiedener Länder an, auch das deutsche in Heidelberg, an dem Christiane Dierks in Behandlung war. Christiane Dierks hatte Lust zu diesem Abenteuer. "Als wir im Sommer zur Vorbereitung in der Schweiz waren, waren wir mehr Frauen." Drei seien jetzt wieder erkrankt.

Und die anderen? Sie bereiten sich weiter auf die Reise vor. Christiane Dierks trainiert seit eineinhalb Jahren, viermal pro Woche im Fitnessstudio, oder sie läuft. Sämtliche Utensilien sind besorgt, sind auf ihrem Sofa ausgebreitet. Der Wert: 6000 Euro, gesponsert von Aventis, einem Pharmakonzern. Fleece-Pullover, Eisaxt, Schneehose, vieles mehr und vier Paar Handschuhe gegen die Kälte. Bis zu minus 35 Grad können das werden, ganz oben auf dem Gipfel. Ein Testament habe sie auch schon geschrieben, falls doch was passiere. "Eigentlich war ich immer eher Hollywood-Maus", sagt sie, "lieber warm und bunt." Das Leben, es ist ein anderes geworden.

Geblieben ist eigentlich nur ihr Auto von früher. Das silberne Cabriot, aus dem sie damals in ihrem braunen Mantel und dem roten Samtschal gestiegen war, um in die Klinik zu gehen. "Als ich dann die Diagnose bekommen habe, ist alles einfach nur an mir vorbeigerauscht", sagt sie heute. Informationen habe sie keine aufgenommen, nichts. Und heute sei sie nur noch dankbar. Dankbar, diese Krankheit gehabt zu haben? Für drei streuende Tumore, für die Qual der Chemotherapie und für eine neue Brust aus Kochsalz mit einer Narbe, die 20 Zentimeter lang ist? Sie sagt: "Ja", und meint die Erkenntnis, die sie dar-über gewonnen hat. Über einen Stau könne sie sich nicht mehr ärgern. Auch nicht über Menschen, die im Bus drängeln. Sie ist geheilt, was gibts Besseres?

Mindestens zwölf Stunden hat sie früher jeden Tag gearbeitet, als Managerin. In ihrem Schreibtisch hatte sie Mittelchen gegen Reizmagen und Kopfschmerzen. Vitaminpillen statt Obst. Warum sie nichts verändert habe? "Ich hatte Angst vor Rückschritten", sagt sie. Weniger Erfolg - das akzeptiere die Gesellschaft ja nicht. Christiane Dierks lebt heute in einer kleineren Wohnung, mit etwas weniger Einkommen, dafür mit einem Beruf, den sie liebt. Image-Beraterin ist sie. Und das sei mehr als nur eine Farb- und Stil-Beratung. Da gehe es um die Entwicklung der Persönlichkeit.

Darüber hat sie viel gelernt. Sie sagt, es sei ihr heute egal, wann sie mal sterben wird. Wichtig sei, wie. Die Zeit soll wertvoll sein, auch für andere. Und das sei auch der Grund für die Reise, die am 5. Februar losgeht. Es ist das gute Gefühl. Sie will es weitergeben. Das Leben ist besser geworden, glücklicher.